Impulse für Wissen

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Auch nach fast zwanzig Jahren hat die Klimapolitik, wie sie von vielen Regierungen auf der Welt im Sinne des Kyoto-Protokolls verstanden wurde, zu keinem spürbaren Rückgang der weltweiten Treibhausgasemissionen geführt. Der Grund liegt in strukturellen Schwachstellen der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) bzw. des Kyoto-Protokolls. Dieses war zum Scheitern verurteilt, weil es auf einem systematischen Missverständnis der Natur des Klimawandels als einer politischen Aufgabe in den Jahren 1985-2014 beruhte.

Mittlerweile ist es offensichtlich, dass eine Klimapolitik mit dem alleinigen Ziel der Emissionsreduktion, in dem alle anderen Ziele aufgehen sollen, nicht möglich ist. Auch wenn die Entkarbonisierung der globalen Wirtschaft aus vielen anderen Gründen höchst erwünscht ist, kann sie wahrscheinlich nur als ein Nebengewinn erreicht werden, der bei der Verfolgung anderer, politisch attraktiver und pragmatischer Ziele möglich ist.

Es erscheint daher sinnvoll, das Prinzip der Menschenwürde zum Leitgedanken unserer Bemühungen zu machen – und zwar vermittelt über die Verfolgung dreier übergreifender Ziele: Es ist zu gewährleisten, dass

  1. es Zugang zu Energie für alle gibt,
  2. wir uns nicht auf eine Weise entwickeln, die wesentliche Funktionsabläufe des Erdsystems untergräbt, sowie
  3. unsere Gesellschaften gut gerüstet sind, um den Risiken und Gefahren zu begegnen, die mit den Wechselfällen des Klimas verbunden sind, was immer deren Ursache ist.

Eine Neuausrichtung der Klimaproblematik an der Menschenwürde ist nicht nur nobel oder notwendig. Sie dürfte zudem auch wirkungsvoller sein als der gescheiterte Ansatz, sich auf die Umweltsünden der Menschen zu fokussieren.

Da der bisherige UNFCCC-Prozess die Funktion einer Veränderung des Weltklimas nicht erfüllt hat, muss eine neue Forschungsrichtung einen Prozess des Umdenkens anregen. Da alle Gesellschaften in gewissem Maße schlecht an das Klima angepasst sind, sollte dieses Umdenken Gesellschaften in die Lage versetzen, mit Klimarisiken besser umzugehen. Klimaextreme und -schwankungen erlegen allen Gesellschaften Kosten auf, erbringen gleichzeitig aber auch Gewinne. Daher ist es wichtig, im Hinblick auf die vom Klima verursachten, aber vermeidbaren Kosten und Schäden neue Technologien, Institutionen und Umgangspraktiken zu entwickeln. Es gilt, diese Anpassungsfähigkeit aufzubauen, während sich Klima und Gesellschaft ändern – und damit auch die Risiken. Solche Initiativen sowie die Verbreitung von Beispielen guter Anpassungsformen sind sinnvoll, ganz gleich, welche Meinung man dazu hat, wie stark sich Klimarisiken durch menschliches Handeln verändern lassen oder wie rasch sie sich selbst verändern.

Wie also könnte eine alternative Strategie des erfolgreichen Umgangs mit den Konsequenzen der Klimaerwärmung in der Praxis aussehen?

Sie sollte 1. politisch attraktiv sein, es also erlauben, mittels kleiner Schritte rasch zu vorzeigbaren Ergebnissen zu kommen, und uns auf diese Weise helfen, in unseren Anstrengungen nicht nachzulassen. Sie sollte 2. politisch inkludierend sein, also von ihrer ganzen Anlage her pluralistisch sein und nicht autoritäre Regierungsformen fordern. Und sie sollte 3. kompromisslos pragmatisch sein, also in erster Linie auf einen Fortschritt ausgerichtet sein, der kurzfristig wie langfristig messbar ist.

Der Forschungsbedarf, der die skizzierten Ziele einer anderen Klimapolitik unterstützt und sich an den wahrscheinlichen Folgen der Erwärmung unseres Klimas orientiert, ist erheblich. Hierzu möchte der Ladenburger Diskurs „Ein Blick in die Zukunft: Wie kommen wir zu einer neuen Klimapolitik“ unter der Leitung von Prof. Dr. Nico Stehr in Zusammenarbeit mit internationalen Wissenschaftlern und Experten Impulse liefern.

 

Zitat
Die Daimler und Benz Stiftung gibt Impulse – heute für Morgen. Über Ländergrenzen hinweg fördert sie interdisziplinäre Forschungsprojekte. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen jedem einzelnen Menschen zugutekommen und die Lebensverhältnisse verbessern. Die Stiftung möchte entscheidend zur Gestaltung einer verantwortungsvollen Zukunft beitragen, von der die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit profitiert.