Impulse für Wissen

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Prof. Dr. Eckard Minx

Prof. Dr. Eckard Minx
 

Prof. Dr. Elke Schüßler

Prof. Dr. Elke Schüßler
 

Diskussion 
 

Roger Cericius
 

Prof. Dr. Leonhard Dobusch

Prof. Dr. Leonhard Dobusch
 

Gruppenarbeit
 

Prof. Dr. Günther Ortmann, Johannes Rath, Moritz Ettl
 

Im Gespräch
 

Kunstsammlung der Daimler AG 
 

Prof. Dr. Jörg Sydow 
 

19. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Jörg Sydow und Prof. Dr. Elke Schüßler

03. Juni 2019
im Haus Huth, Berlin

Im Fokus des dritten Innovationsforums zum Thema „Organisierte Kreativität“ stand die Frage nach der Rolle von Unsicherheit – sowohl innerhalb von Unternehmen als auch zwischen Organisationen. Weshalb diese Forschungsperspektive besondere Aktualität besitzt, erläuterte Prof. Dr. Eckard Minx, Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung in seiner Begrüßung. „Wenn wir uns jene gewaltigen Umbrüche ansehen, vor denen beispielsweise die Automobilindustrie steht – Stichworte sind Autonomes Fahren sowie die Verbindung von Nachhaltigkeit und Ökologie mit der Entwicklung neuer, durch die Digitalisierung getriebener Mobilitätsmodelle – so erkennen wir, wie überlebensnotwendig es für Unternehmen geworden ist, den Umgang mit Unsicherheit aktiv und kreativ zu gestalten.“

Rund 30 junge Manager, Wissenschaftler und Vertreter unterschiedlicher gemeinnütziger Organisationen trafen sich am 3. Juni im Haus Huth am Potsdamer Platz in Berlin, um über den aktuellen Stand der Kreativitätsforschung zu diskutieren und dabei Anregungen für ihren Forschungs- bzw. Arbeitsalltag aufzunehmen. Das mittlerweile 19. Innovationsforum mit den Titel „Organisierte Kreativität – Vom Umgang mit Unsicherheit in kreativen Prozessen“ wurde erneut von Prof. Dr. Jörg Sydow, Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmenskooperation an der Freien Universität Berlin, sowie von Prof. Dr. Elke Schüßler, Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Vorständin des Instituts für Organisation an der Johannes Kepler Universität in Linz, geleitet.

Zunächst erläuterte Sydow in seinem gemeinsam mit Schüßler gehaltenen Eingangsvortrag „Kreativität, Innovation und Unsicherheit“, welche Definitionen von Kreativität zu unterscheiden seien und weshalb zwischen kreativem Handeln und Innovation eine deutliche Differenzierung vorzunehmen sei. In diesem Zusammenhang ließen sich vier Tendenzen identifizieren: Die Entwicklung gehe vom Individuum zum Team; weiter habe sich die Praxis von der reinen Ergebnisfixierung hin zu einer Kreativität als sozialem Prozess entwickelt. Drittens würden lineare Prozesse der Ideengenerierung in der Forschung zunehmend von einem dialektischen Prozessverständnis abgelöst und viertens sei die Entwicklung herkömmlicher Kreativitätstechniken wie »Brain storming« oder »Design thinking« hin zu Formen einer organisierten Kreativität beobachtbar. „Als unabnutzbare Ressource besitzt Kreativität für uns eine hohe ökonomische Relevanz. In gewisser Hinsicht dürfen wir feststellen, dass der Topos des »Capitalizing on creativity« durchaus als Merkmal hypermoderner Gesellschaften benannt werden kann“, so Sydow. Schüßler ergänzte, dass des Weiteren stets eine Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit bzw. »Known unkowns« (als Risiko verstanden) und »Unknown unknows« (Unsicherheiten) zu beachten sei – da eine rahmenlose Unsicherheit im Gegenteil keine kreative Handlungsorientierung mehr ermögliche.

Über das Thema „Versicherungen: Wieviel Unsicherheit verträgt das Geschäft mit der Sicherheit?“ referierte Roger Cericius, Geschäftsführer der FUTUR X GmbH der VGH Versicherungen. „Alles zu wissen und Risiken auf solider Basis kalkulieren zu können, das ist im Grunde genommen die Genetik unseres Geschäfts. Doch faktisch sehen wir uns heute mit einem Paradoxon konfrontiert: Unsere Branche wird sich disruptiv verändern, das erkennen wir – wir wissen nur nicht in welche Richtung die Reise geht.“ Weder ein über Jahrzehnte erworbenes Fachwissen, noch die professionelle Innenansicht könne zur Bewältigung der anstehenden Umwälzungsprozesse Wesentliches beitragen. Aus diesem Grunde wurde FUTUR X als neue Innovationsentwicklungseinheit der VGH Versicherungen gegründet. Sie hilft den Mitarbeitern in verschiedenen Kreativ- und Trainingsformaten dabei, ihre Ideen in Innovationsimpulse umzumünzen. Als ein Beispiel nannte Cericius neuartige Versicherungsmodelle für Elektroautos. „Das war am Anfang kein vielversprechendes Geschäft. Dennoch haben wir uns herangetraut und dabei eine ganz neue Marktkenntnis gewonnen.“ Noch gravierender werde sich die Einführung des Autonomen Fahrens bemerkbar machen: „Wir müssen uns bereits heute damit auseinandersetzen. Was werden wir versichern? Das Auto? Den Menschen? Nur eine bestimmte Wegstrecke oder gar die lebenslange Mobilität eines Individuums?“ Besonders beeindruckt habe ihn, mit welcher Klarheit die Mitarbeiter sich selbst in der Verantwortung sehen, die Zukunft ihres Unternehmens zu gestalten. „Es ist ein positives Bild von den eigenen Fähigkeiten entstanden kreativ und flexibel mit veränderten Rahmenbedingungen umzugehen, wie wir das kaum für möglich gehalten hätten.“

Mit welch oft heiklen juristischen Unwägbarkeiten sich die Medienbranche konfrontiert sieht, erläuterte Prof. Dr. Leonhard Dobusch von der Universität Innsbruck in seinem Vortrag „Kreativität und Regulation: Zur Rolle von Unsicherheit“. Noch in den 1970er-Jahren sei es kaum möglich gewesen, Urheberrechte zu verletzten. Um etwa in nennenswertem Umfang Raubkopien von Schallplatten, Videos oder Büchern herzustellen, hätte es einer gewissen kriminellen Energie und technischem Know-how bedurft. „Seit den 2000er-Jahren müssten wir es streng genommen umgekehrt formulieren: Versuchen wir doch im Alltag einmal nicht gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Heute sind sich 44 Prozent der Internetnutzer über 12 Jahre nicht sicher, was illegal ist – und was nicht.“ Diese Problematik werde oft auch durch mehrdeutige Formulierungen von Gesetzen verschärft. So sei zwar einerseits in Paragraph 2 des Urheberrechtsgesetzes festgehalten, „Werke im Sinne dieses Gesetzes sind nur persönliche geistige Schöpfungen“, zugleich werde aber zugestanden, dass jedes noch so kreative Werk Teile von Rohmaterial enthalte, das in Werken anderer vorgefunden worden sei. Diese Situation werde zusätzlich dadurch erschwert, dass etwa die „Fair Use“-Regelung bei geistigem Eigentum in den USA anders verfahre. „Ein europäisches Google Books oder das Resamplen von Musikstücken wäre hierzulande undenkbar“, so Dobusch. Positiv gewendet führe das Dickicht und die Ambiguität vorhandener Patentrechte und Schutzfristen zumindest potenziell zu einer kreativen Unsicherheit, so Dobuschs Fazit.

In zwei Gruppenarbeitssitzungen wurde während des Innovationsforums über Erfahrungen diskutiert, die die Teilnehmer mit Unsicherheit in ihren Organisationen gemacht hatten und mit welchen Konzepten und Methoden sie diesen begegnet waren.

In einem Podiumsgespräch mit jungen Unternehmern spürte Prof. Dr. Günther Ortmann abschließend der Frage „Schützende Unwissenheit als ein Erfolgsfaktor für neue Unternehmen?“ nach. Von ihren Erfahrungen berichteten Johannes Rath, Chief Digital Officer der Signal Iduna Gruppe, sowie Moritz Ettl, Co-Founder und Managing Director der 4ed1 GmbH. Unter Verweis auf den Soziologen und Volkswirtschaftler Albert O. Hirschman gab Ortmann zu bedenken, dass es ja vielleicht erst ein gewisses Unwissen über kommende Hindernisse sei, das es Gründern und Start-ups erlaube, Zeit und Energie in ihre Projekte zu investieren. „Hinzu sollte allerdings noch eine gewisse radikale Grundeinstellung treten – nämlich die, nichts zu verlieren zu haben“, ergänzte Rath. Dies betreffe sowohl die Haltung von Gründern, als auch jene von Managern, die ein Unternehmen in einen Transformationsprozess führen möchten. Denn auf einem solchen Weg gebe es oft wenig Glamour, wenig Lob, dafür aber umso mehr harte Arbeit zu leisten. Erst wenn der Mut anders zu führen und das Unternehmen neu zu denken greifbare Erfolge zeige, werde das initial notwendige Selbstvertrauen von außen belohnt. Ettl, der seinen beruflichen Werdegang bei der Bertelsmann SE begann, dann jedoch als Gründer das Unternehmen verließ, berichtete über seine Erfahrungen beim Aufbau von Start-ups im Bildungsbereich. Des Weiteren reiste er mit einem Team um die Welt, um einen Film „Wie sieht Arbeit der Zukunft aus?“ zu drehen. „Wir benötigen heute Menschen, die kollaborativ denken“, so Ettls Einschätzung. „Dafür bietet die Digitalisierung ideale Voraussetzungen. Wir müssen aber auch den Mut aufbringen, in unseren Schulen alternative Wissenskonzepte zuzulassen und – über diese hinausreichend – unseren Blick überhaupt verändern, was erfolgreiche Bildung charakterisiert.“

 

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Innovationsforum

Das Innovationsforum ist als intensiver Workshop angelegt. Mit dieser Veranstaltung will die Daimler und Benz Stiftung die oftmals bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis für den Alltag des Wirtschaftslebens überbrücken. Sie wendet sich insbesondere an junge Manager aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, die mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen aktuelle Organisationstheorien und Managementkonzepte bewerten und an der beruflichen Realität messen. Schwerpunkte liegen bislang auf den Themen Macht, Unsicherheit, Absorptive Capacity und Pfadforschung.