Impulse für Wissen

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Prof. Dr. Eckard Minx
Prof. Dr. Eckard Minx

 

Prof. Dr. Elke Schüßler, Prof. Dr. Jörg Sydow
Prof. Dr. Elke Schüßler,
Prof. Dr. Jörg Sydow

 


Gruppenarbeit

 


Thomas Bayer

 


Prof. Dr. Gernot Grabher

 


Dr. Mark Butler

 


Gruppenarbeit

 

Prof. Dr. Eckard Minx,
Prof. Dr. Eckard Minx,

© Daimler und Benz Stiftung/Hillig

18. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Jörg Sydow und Prof. Dr. Elke Schüßler

05. November 2018
im Haus Huth, Berlin

Um sich über aktuelle Erkenntnisse der Kreativitätsförderung bzw. -forschung auszutauschen, kamen am 5. November im Rahmen des 18. Innovationsforums rund 45 junge Wissenschaftler und Manager im Berliner Haus Huth zusammen. Geleitet wurde die ganztägige Zusammenkunft von Jörg Sydow, Professor für Betriebswirtschaftslehre (BWL) am Management-Department der Freien Universität Berlin sowie Elke Schüßler, Professorin für BWL und Vorständin des Instituts für Organisation der Universität Linz.

In seiner Begrüßung unterstrich Prof. Dr. Eckard Minx, Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung, die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung nicht nur für die Innovationskraft von Unternehmen, sondern verwies auch auf deren stabilisierende Funktion für die Gesellschaft: „Zielgerichtete Kreativität – und von ihr hängt letztlich die Fähigkeit zu ökonomischer und sozialer Innovation ab – bedarf eines Wertesystems. Eine Unterscheidung von richtig und falsch, von belastbarer Information und rein willkürlicher Behauptung erscheint heute mehr denn je gefordert.“ Das grassierende Anwachsen sowie das gezielte Streuen von Fake News offenbare zwar in gewisser Weise ebenfalls ein oft hohes Maß an Kreativität, dieses Verhalten unterminiere jedoch letztlich jenes Vertrauen, auf dem der gemeinsame Erwerb und die förderliche Anwendung von Wissen basiere. „Gerade auch wenn die Ergebnisse valider Forschung manchen nicht in ihr Weltbild passen, müssen wir umso mehr nach Objektivität suchen und Fakten anerkennen.“

In ihrem Eröffnungsvortrag „Formen organisationsübergreifender kreativer Prozesse“ erläuterten Sydow und Schüßler zunächst den Geltungsbereich verschiedener Kreativitäts-Definitionen. Dabei wiesen sie darauf hin, dass diese Formen aus dem Blickwinkel heutiger Forschung insofern als zu statisch und in Teilen defizitär gelten müssten, als sie bislang nicht hinreichend über die Grenzen von Unternehmen bzw. Organisationen hinweg gedacht worden seien. Vielmehr gelte es in einer digitalen Ökonomie, in der disruptive Entwicklungen eher die Regel als die Ausnahme geworden seien, den Blick auf ihre spezielle Dynamik und die sie lenkenden prozessualen Elemente zu erweitern. „Wir wenden uns heute von der Ergebnisfixierung ab und fokussieren den sozialen Prozess. Dabei sehen wir Kreativität nicht mehr als lineare, sondern als iterative und dialektische Entwicklung“, erläuterte Schüßler. Während in der Vergangenheit der Fokus auf die Analyse verschiedener Kreativitätstechniken, wie etwa Design Thinking, gerichtet war, würde heute auch die ambivalente und in Teilen produktive Rolle situativer Unsicherheit anerkannt. „In unseren Untersuchungen haben wir uns vor allem mit der Pharma- und Musikindustrie beschäftigt“, so Sydow. „In beiden Branchen mit ihren hohen inhärenten Marktunsicherheiten verschwimmen die Konzepte von Innovation und Kreativität letztlich. Das Entstehen neuer Produkte und tragfähiger Lösungen lässt sich dabei eher als eine Art idea journey begreifen.“

In ihrem zweiten Vortrag „Kreative Offenheit durch Geschlossenheit“ skizzierten Sydow und Schüßler die Entstehung moderner „Offenheits-Paradigmen“. Während über viele Jahre hin „Open Source-“, „Open Science-“ und „Open Innovation“-Projekte einen regelrechten Hype erfuhren, zeige sich mittlerweile, dass es ebenso wichtig sei, Vorhaben zum richtigen Zeitpunkt nach außen hin zu schließen, um so etwa ihre Weiterentwicklung nicht zu gefährden. „Insbesondere wenn es um Fragen des Patentschutzes, der vertraglichen Geheimhaltung oder der Produktentwicklung geht, darf ein prinzipiengeleiteter und emotional aufgeladener Diskurs keinesfalls handlungsleitend sein“, so Sydow. Oft sei es vielmehr der Fall, dass unter einer „geschlossenen Kuppel“ zahlreiche Projekte freier durchdacht werden könnten. Auch aus Gründen der Unternehmenshierarchie sei es oft schlichtweg pragmatischer, diese erst ab einem gewissen Reifegrad Vorgesetzten oder Kollegen zu eröffnen.

In der anschließenden Diskussion im Plenum berichteten die Teilnehmer von ihren ganz persönlichen Erfahrungen im Umgang mit kreativen Gestaltungsprozessen in ihren Unternehmen und Forschungseinrichtungen und mit welchen berufspraktischen Herausforderungen sie sich dabei konkret konfrontiert sahen.

In seinem Vortrag „Das Galaxiegetriebe. Praxisbericht über den Innovationsprozess einer disruptiven Innovation“, schilderte Thomas Bayer, Direktor Innovation Lab der Wittenstein SE, die Entwicklung eines völlig neuartigen Getriebekonzepts. Seit der theoretischen Grundlegung des sogenannten Planetengetriebes durch Leonardo da Vinci und dessen weltweiter Verbreitung durch die von James Watt angestoßene industrielle Revolution habe dieses Konzept der Kraftübertragung zwar immer wieder Detailverbesserungen erfahren, sei aber niemals infrage gestellt worden. „Am Anfang war es eine reine Idee: Wir können etwas völlig Neues erfinden, eine Neukonstruktion muss möglich sein“, so Bayer. „Aber der Weg dorthin war mir noch nicht klar, nur die Vorstellung eines radikal anderen Prinzips war mir präsent.“ Rückendeckung erhielt der Ingenieur durch die Wittenstein SE. Da es sich um ein Unternehmen in Familienbesitz handelte, wurde es schließlich möglich, das gewagte Vorhaben über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg mit Teams in ganz unterschiedlichen Größenordnungen voranzutreiben. „Ohne diesen Vertrauensvorschuss meines Arbeitgebers und dem gewährten langen Atem wäre aus der Vision niemals Realität geworden. Die wichtigste Erfahrung während der oft heiklen Konstruktionsphasen war, dass zu bestimmten Zeitpunkten nur eine ganz kleine Gruppe von allenfalls zwei bis drei Leuten etwas bewirken konnte. Dann wiederum benötigten wir das Know-how von einem Dutzend Ingenieuren, um weiter voranzukommen“, erläuterte Bayer. „Am Ende stand der Durchbruch: Ein neues Getriebe, dem wir den Namen Galaxiegetriebe gaben, wurde tatsächlich realisiert.“ Es wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist für den „Deutschen Zukunftspreis 2018“ nominiert. Neben einer ganzen Vielzahl von im Vergleich zum bisher verwendeten Getriebe beeindruckenden Kennzahlen, erbringt es bei einer auf ein Drittel reduzierten Gehäusegröße einen Effizienzgewinn von 580%.

Über „Innovative Signale, irritierendes Rauschen: Kreative Prozesse in Online Communities“ referierte Prof. Dr. Gernot Grabher von der HafenCity University Hamburg. Dabei zeigte der Wirtschaftsgeograph auf, wie es durch die Nutzung virtueller Interaktion möglich wird, Kundenwissen zu erschließen und ganz neue Formen der Kollaboration zwischen Produzenten und Konsumenten zu etablieren. „Durch die Entstehung einer hybriden Community, die auch den sozialen Eigensinn der Nutzer als Entwicklungspotenzial anerkennt und die Akteure einbezieht, die in einem konventionellen Statusgespräch niemals gehört würden, entsteht relationales Denken, ein Denken in »links«“, lautete seine Einschätzung.

In der zweiten Gruppenarbeit des Tages, die unter der Aufgabenstellung „Kreative Ideen durch virtuelle Interaktion – wann, wie, mit wem?“ stand, wurden Beispiele erörtert, wie sich heute Start-Ups, staatliche Gesundheitsdienstleister oder auch Global Player wie der Softwarekonzern SAP ausgefeilter Methoden bedienen, um ihre Mitarbeiter online zu vernetzen und dabei beispielsweise Probleme der Kundenbetreuung aus interkultureller Perspektive gelöst werden können.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Vortrag „Homo Ludens Digitalis – Das Spiel im Zeitalter seiner digitalen Produzierbarkeit“ des Kultur- und Medienwissenschaftlers Dr. Mark Butler. Im Zusammenhang mit der Spieltheorie von Roger Caillois erläuterte er die Entwicklung von Computerspielen seit Beginn der 1960er-Jahre. Dabei zeigte Butler, wie moderne Computerspiele zum einen die strukturellen Typologien jahrhundertealter Spiele aufgriffen – zum anderen aber durch ihre vielfältigen audiovisuellen Möglichkeiten, ihr haptisches Feedback und kybernetische Rückkopplungen in der Lage sind, Elemente aus Kunst und alltäglicher Arbeit so zu integrieren, dass eine Entgrenzung des Spielraums möglich wird und im Spiel ganz neuartige – gleichzeitig softwarebasierte wie individuelle – Ausdrucksformen entstehen.

  

 

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Innovationsforum

Das Innovationsforum ist als intensiver Workshop angelegt. Mit dieser Veranstaltung will die Daimler und Benz Stiftung die oftmals bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis für den Alltag des Wirtschaftslebens überbrücken. Sie wendet sich insbesondere an junge Manager aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, die mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen aktuelle Organisationstheorien und Managementkonzepte bewerten und an der beruflichen Realität messen. Schwerpunkte liegen bislang auf den Themen Macht, Unsicherheit, Absorptive Capacity und Pfadforschung.