Impulse für Wissen

publikum_bbv.jpg

Prof. Dr. Eckard Minx Prof. Dr. Eckard Minx

Dr. Elke SchüßlerProf. Dr. Elke Schüßler

Prof. Dr. Jörg Sydow Prof. Dr. Jörg Sydow

Peter Metz Peter Metz

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal  Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal

Prof. Lutz Engelke und Daniel Strauß Prof. Lutz Engelke und Daniel Strauß

Gruppenarbeit Gruppenarbeit

Fotos: ©Daimler und Benz Stiftung/Hillig

 

17. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Jörg Sydow und Prof. Dr. Elke Schüßler

28. Mai 2018
im Haus Huth, Berlin

Die Innovationskraft herausragender Organisationen und Unternehmern beruht auf der ebenso systematischen wie kalkulierten Nutzung einer besonderen Ressource. Nicht nur dem Geschäftsmodell amerikanischer High-Tech-Giganten wie Uber, Google, Amazon oder Facebook liegt sie zugrunde, sondern auch Firmen der „Old Economy“ wie etwa Siemens, Deutsche Bahn oder Großbanken benötigen diese heute dringender denn je. Und kein traditionsreicher Mittelständler und kein Start-up wird ohne sie einen erfolgversprechenden Weg in die Ökonomie der Zukunft finden. Kreativität: Ihre Förderung, ihre Erhaltung, ihre Nutzung, ihre Ummünzung in Geschäftsmodelle – alle diese Aspekte rücken zunehmend in den Fokus nicht nur der Industrie, sondern auch von Wissenschaft und Forschung. Rund 50 Manager und junge Wissenschaftler trafen sich deshalb am 28. Mai beim 17. Innovationsforum der Daimler und Benz Stiftung im Berliner Haus Huth, um über das Thema „Kreativität“ und deren mögliche Organisation zu diskutieren.

„Dass Kreativität zu allen Zeiten ein wichtiger Treibstoff für wirtschaftlichen Erfolg war, dies steht außer Frage“, stellte Stiftungsvorstand Prof. Dr. Eckard Minx in seiner Begrüßung fest. „Dennoch ist die Sache heute ein wenig anders gelagert: Wir befinden uns inmitten von Wissensräumen höchster Komplexität.“ Insbesondere durch die umfassende Digitalisierung nahezu sämtlicher Lebensbereiche und einer damit verbundenen Beschleunigung der Kommunikation sei mehr denn je die zielgerichtete Koordination von Kreativität gefordert. „Vielleicht wäre es besser im Angesicht der aktuellen Dynamik von einer erforderten ‚Hochkreativität‘ zu sprechen. Diese muss einerseits in der Lage sein, individuelle wie organisationale Voraussetzungen zu reflektieren; andererseits sollte sie sich zugleich an bis dato noch rein fiktionalen Erwartungen orientieren können.“ Gelinge dies, so seien Entwicklungssprünge möglich, wie sie in den letzten Jahren etwa im Silicon Valley zu beobachten waren oder wie sie sich derzeit in einigen Schlüsseltechnologien in China vollzögen. „Gebrauchen wir Kreativität als Ressource, so vermehren wir sie. Erst bei gemeinschaftlicher Nutzung entfaltet sie sich vollständig und in all ihren Facetten.“

In ihren gemeinsamen Eröffnungsvorträgen – „Kreativität und Innovation“ sowie „Möglichkeiten der Routinisierung kreativer Prozesse“ skizzierten Dr. Jörg Sydow, Professor für Betriebswirtschaftslehre (BWL) am Management-Department der Freien Universität Berlin, und Dr. Elke Schüßler, Professorin für BWL und Vorständin des Instituts für Organisation an der Universität Linz, den aktuellen Stand der Kreativitätsforschung. „Immer noch ist die Vorstellung weit verbreitet, dass unter Kreativität jener kognitive Prozess zu verstehen sei, der autonom und in besonders begabten Individuen abläuft“, so Schüßler. Doch diese Annahme greife zu kurz, da sie zum einen übersehe, dass Kreativität den Einzelnen erst im Rahmen einer sozialen Prozessualität befähige, relevantes Fachwissen angemessen zu transformieren und dass zum anderen weiter Kreativität nachgerade als das gemeinschaftliche Charakteristikum spätmoderner Gesellschaften angesehen werden könne. Gerade diese Rückkopplung des kreativen Aktes aber wirke dauerhaft auf die Gesellschaft ein und verändere sie wiederum. „Das Neue am Neuen muss immer auch kommuniziert werden, es ist nicht einfach da“, lautete Sydows Einschätzung. „Deshalb weitet die aktuelle Kreativitäts-Forschung ihren Blick vom Individuum hin zum Team, weg vom linearen und hin zum komplexen Prozessverständnis.“ Dass damit eine gewisse Paradoxie der Begrifflichkeit entstehe, bleibe unvermeidlich. Die klassische Dichotomie einer Organisation als „stahlhartem Gehäuse“, die einer freien und routinelosen Kreativität entgegenstehe, könne nicht länger aufrechterhalten werden. Routinen als „patterns of interactions“ seien vielmehr in der Lage, ganz unterschiedliche Akteure zu verbinden und so radikal neuartige Muster der Kooperation und des Wissens zu befördern. In einer anschließenden Gruppenarbeit unter dem Titel „Beispiele für Kreativitätsroutinen aus der Unternehmenspraxis“ erörterten die Teilnehmer diese Forschungsergebnisse und zogen Querverbindungen zu ihren individuellen organisationalen Erfahrungen im beruflichen Alltag.

Peter Metz, Sozialwissenschaftler und stellvertretender Leiter der Daimler-Innovationswerkstatt, erläuterte in seinem Vortrag „Wie kommt das Neue in die Welt? Einblicke in die Ideenwerkstatt der Daimler AG“ am Beispiel der Daimler AG die Funktionsweise von Kreativitätslaboren und Ideeninkubatoren. Für Mitarbeiter sei es zunächst wichtig zu wissen, dass es eine definierte Anlaufstelle in ihrem Unternehmen gebe, in der Fragen rund um Kreativitätsprozesse besprochen werden könnten. Dies gelte gleichermaßen für ins Stocken geratene produktionsnahe Innovationsprozesse wie auch für völlig neuartige Szenarien oder Simulationen, Stichwort Rapid Prototyping oder Design Thinking. „In der Ideenwerkstatt bieten wir deshalb ein ganzes Spektrum an Workshops an und entwickeln für jeden konkreten Bedarf ein eigenes Drehbuch“, so Metz. Dabei handle es sich um eine ausgesprochen breite Spanne an Themen: Von der Optimierung bei Arbeitsprozessen über die Vernetzung kreativer Köpfe innerhalb des Unternehmens bis hin zur Analyse von Zukunftstrends, die sich gerade erst am Horizont der Produktentwicklung abzeichneten. „Ein großes Unternehmen muss sich ernsthaft und systematisch auch mit Fragen beschäftigen, die weit in der Zukunft liegen. Was Kunden in zehn oder zwanzig Jahren wünschen, vermag selbstverständlich niemand verlässlich zu prognostizieren. Aber extrem lange Produktzyklen erfordern diesen Mut vorauszublicken. Gemeinsam können wir zumindest Ideen und allererste Konzepte greifbar machen oder Strategien formulieren – die schließlich in den darauffolgenden Schritten zu konkreten Patenten führen.“

Über die Effekte von Kunst-Industrie-Kooperationen berichtete Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin in ihrem Vortrag „Wirkungen und Wirkungsweisen künstlerischer Interventionen in Organisationen“. Anhand mehrerer internationaler Projekte zeigte sie auf, dass gerade die kulturelle Differenz zwischen Künstler und Mitarbeiter zu ungewöhnlichen Ergebnissen führen kann und kreative Potenziale zu wecken vermag: „Die Begegnung zwischen beiden schafft eine Art von Zwischenraum, der neu gefüllt werden muss. Aus anfänglichen Sprach- und Sinnbarrieren entwickeln sich völlig neue Muster der Verhandlung sowie der notgedrungenen Verständigung – die oft von Reflexionsprozessen begleitet werden, die der Organisation zuvor nicht inhärent waren.“ Bei einer Analyse von über 100 zwischen Künstlern und Unternehmen durchgeführten Projekten hätten sich vor allem zwei wichtige Erfolgsvoraussetzungen herauskristallisiert. Zum einen, dass das führende Management hinter dieser besonderen Art des Austauschs gestanden habe und das Risiko des Erfolgs wie auch eines Scheiterns gleichermaßen auf sich genommen habe. Zum anderen, dass die beteiligten Künstler als Partner und nicht als Dienstleister wahrgenommen worden seien. „Das Wertvolle einer solchen Zusammenarbeit trat immer dort zu Tage, wo die Beziehung auf eine gewisse Dauer hin angelegt war und der aus ihr resultierende Wert nicht zu eng definiert wurde“, fasste Antal ihre Einschätzung zusammen. An ihren Vortrag schloss sich der zweite Block gemeinschaftlicher Gruppenarbeit an, dieser stand unter dem Leitprinzip „Möglichkeiten und Barrieren einer Neugestaltung kreativer Prozesse“. Hierbei erörterten die Teilnehmer, inwiefern die gezielte Einbeziehung einer außenstehenden – wie der vorgestellten künstlerischen – Perspektive, zu einer Verbesserung der Innovationsfähigkeit von Teams führen kann und erläuterten diesen Transfer in Form einer Pinnwandpräsentation.

Unter dem Vortragstitel „Ideen im Raum – Szenografie für Unternehmen“ gaben Professor Lutz Engelke und Daniel Strauß Einblicke in die Arbeitsweise der international tätigen Kreativagentur TRIAD. Mit großem Erfolg entwickelte TRIAD etwa das Konzept für den 12.000 qm großen Urban-Planet-Pavillon Chinas auf der Expo 2010 in Shanghai oder des von der Zürich Versicherung gesponserten Themenpavillons „Happy End – Auf den Spuren des Glücks“ für die Schweizer Nationalausstellung. Worauf es in solch großangelegten Planungsprozessen ankomme, sei die passgenaue Zusammenstellung von Teams aus Kreativen. Dieser Prozess verlaufe unter den rund 100 Mitarbeitern der Agentur nicht allein hierarchisch, sondern werde vor allem auch demokratisch ausgehandelt, so Strauß. „Kunst und Forschung liegen in ihrem inneren Wesen nicht weit auseinander“, stellte Engelke fest. „Für beide gilt: Innovation findet im Raum des Nichtwissens statt.“ Gerade deshalb sei die Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen der Kreativität wichtig, einen Beipackzettel für Visionen und neuartige Lösungen gebe es nicht. „Die Ressourcen des 21. Jahrhunderts kann man nicht kopieren, wir müssen uns deshalb von einem rein technischen Prozess- und Methodenverständnis lösen. Es gilt die soziale, die interaktive Basis unserer Fähigkeit Neues zu schaffen anzuerkennen.“

[ zurück ]

Innovationsforum

Das Innovationsforum ist als intensiver Workshop angelegt. Mit dieser Veranstaltung will die Daimler und Benz Stiftung die oftmals bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis für den Alltag des Wirtschaftslebens überbrücken. Sie wendet sich insbesondere an junge Manager aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, die mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen aktuelle Organisationstheorien und Managementkonzepte bewerten und an der beruflichen Realität messen. Schwerpunkte liegen bislang auf den Themen Macht, Unsicherheit, Absorptive Capacity und Pfadforschung.