Impulse für Wissen

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© Daimler und Benz Stiftung/Hillig

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16. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Christian Gärtner

20. November 2017
im Haus Huth, Berlin

Können Tools kreativer machen? Stellen sie das Gedächtnis und Rückgrat moderner Unternehmen dar, ohne deren ausgereifte methodisch-technische Handreichungen komplexe Organisationsprozesse heute gar nicht denkbar wären? Oder trifft nicht vielmehr das genaue Gegenteil zu: Sie entpuppen sich als Potemkinsche Dörfer der Rationalität, deren Hauptaufgabe darin besteht, Pseudologiken zu implementieren und Managern bei kritischen Entscheidungsprozessen lediglich eine Entlastungsfunktion anzubieten? Rund 35 junge Wissenschaftler und Manager trafen am 20. November im Berliner Haus Huth beim 16. Innovationsforum zusammen, um diese Fragen sowie über ihre eigenen Erfahrungen im Einsatz verschiedener Tools zu diskutieren.

„Die Debatten zum Thema Kreativität greifen mittlerweile weit über den Managementbereich hinaus. Wir sind deshalb gut beraten, uns grundlegend mit ihnen zu beschäftigten", so Prof. Dr. Eckard Minx, Vorsitzender des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung, in seiner Begrüßung. „Zum einen bricht das Zeitalter der künstlichen Intelligenz an und eröffnet große Chancen, Effizienzgewinne zum Wohl aller zu verwirklichen. Zum anderen müssen wir uns kritisch fragen lassen, auf welcher Grundlage wir selbstlernende Programme und Maschinen in ihre künftige Autonomie entlassen möchten." Auch im Bereich der Unternehmensführung werde das Zusammenspiel von Mensch und Maschine zunehmend enger. Dabei gelte, dass an neuralgischen Punkten, wie beispielsweise der Personalauswahl, nicht ausschließlich gemäß vorgegebener Tools und standardisierter Schemata, nicht blindlings und keinesfalls nur nach „Aktenlage" entschieden werden dürfe. „Bei allen Möglichkeiten, die uns hochspezialisierte Verfahren eröffnen, werden auch weiterhin Führungskompetenzen, die sich ihrer individuellen Verantwortung bei der Entscheidung bewusst bleiben, ein zentraler Erfolgsfaktor sein", resümierte Minx.

In seinem Vortrag „A fool with a tool is still a fool?! Warum Tools nicht nur zum rationalen Entscheiden auffordern", skizzierte Prof. Dr. Christian Gärtner von der Quadriga Hochschule Berlin, welche übergeordneten Perspektiven auf Tools als „Rationalitätstechnologien" eingenommen werden können. Dies gelte zunächst völlig unabhängig davon, ob diese auf einer nachgeordneten Anwendungsebene als einfaches Softwareprogramm, interaktives Enterprise Social Network (ESN) oder umfassende Strategieanalyse zur Entwicklung von Geschäftsmodellen zum Einsatz kämen. In absteigender Linie verfolgten sie sämtlich die Schritte von einer theoretischen Fundierung hin zu Modellierung und Framework-Gestaltung, um schließlich im konkreten Tool als Vorlage und mit definiertem Vorgabecharakter zum Einsatz zu gelangen. Tools könnten positiv als „Mittel der kollektiven Leistungssteigerung", neutral als „Mittel der Beeinflussung, Legitimierung und Kontrolle" oder negativ als „eingeschriebene Intention" charakterisiert werden. Insbesondere der letztgenannte Aspekt müsse in der konkreten Anwendungspraxis bedacht werden: „Das primäre Arbeiten mit Symbolen, wie sie Tools oftmals verwenden, birgt die Gefahr, dass die in ihnen implizit hinterlegte visuelle Grammatik unser Denken und Handeln prägt." Deshalb bleibe es bei der Anwendung von hochspezialisierter Tools wichtig, weiterhin ergänzend mit Texten und Zahlen zu arbeiten: „Dieser kritische Blick muss als Grundvoraussetzung gelten, da die Gefahr einer impliziten Overconfidence und Selbstreferenzialität enorme Risiken bergen kann", so Gärtners Fazit.

Prof. Dr. Henning Breuer von der Hochschule für Medien, Kommunikation & Wirtschaft, Berlin, fokussierte in seinem Vortrag „Werkzeuge der Kreativität, Reflexivität und Orientierung im Innovationsprozess" insbesondere auf die neueren Entwicklungen des Innovationsmanagements seit der Jahrtausendwende. Neben der klassischen Trias der technologie-, markt- und nutzergetriebenen Innovationen hätten sich neue und vielversprechende Ansatzpunkte ergeben: Dabei stächen insbesondere flexiblere Formen von ökonomischen Partnerschaften, das Nachhaltigkeitsmanagement oder auf Social-Media-Anwendungen beruhende Ertragsmodelle hervor. Am Beispiel eines auf Augenoperationen spezialisierten indischen Medizinunternehmens verdeutlichte Breuer, dass gerade auch hochinnovative Geschäftsmodelle dabei von einer zugrundliegende normativen Werteorientierung profitieren können: „Das konkrete Angebot, mittellose Erkrankte, etwa in ländlichen Regionen, auf deren Wunsch hin auch gratis zu operieren, ist vor dem Hintergrund einer Mission zu verstehen. Diese lautet: Wir möchten unnötiges Erblinden aus der Welt schaffen." Er plädiere ausdrücklich für die Einbettung dieser normativen Ebene: Für viele Start-ups sei eine solche ethische Selbstvergewisserung insofern lehrreich, als sie über viele herkömmliche Tools zur Unternehmensgründung hinausgreife und gerade durch ihre wertorientierte strategische Ausrichtung zu einer stärkeren Sichtbarkeit und damit Marktdurchdringung eines Unternehmens führen könne.

Über „Enterprise Social Networks – Neue Tools für das Informations- & Wissensmanagement" referierte Prof. Dr. Till Winkler von der Copenhagen Business School. Zum einen, so Winkler, sei es wichtig aus wissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen, in welchen Anwendungsfällen es besonders Erfolg versprechend sei, Enterprise Social Networks (ESN) einzuführen. Zum andern sei der Frage nachzugehen, wie ein unternehmensinterner Kulturwandel hin zu dessen optimaler Nutzung in der Praxis gestaltet werde solle. Bereits seit Ende der 1990er-Jahre habe sich, etwa bei Siemens gezeigt, dass die Einführung eines ESN zu einer verbesserten Kommunikation der Mitarbeiter, zu mehr Transparenz und Effizienz führen könne. „Dabei dürfe aber keineswegs die Herausforderung hinsichtlich der Hürden bei der Nutzerakzeptanz unterschätzt werden", betonte Winkler. Gemäß einer groß angelegten Studie der Universität Darmstadt lohne es sich aber für viele Organisationen sehr, gezielt die Chancen digitaler Kollaboration zu nutzen: „Innovationskraft entsteht nicht in Silos. Und die Kulturveränderung nach einer erfolgreichen Einführung von ESN zeigt, dass die Arbeitsleistung der Mitarbeiter gemäß eigener Wahrnehmung deutlich steigt."

Einen historischen wie methodologischen Gesamtaufriss wagte Prof. Dr. Günther Ortmann von der Universität Witten/Herdecke in seinem Vortrag „Moden und Mythen des Organisierens". Viele menschliche Handlungsmuster, so Ortmann, steckten in Nachahmungsstrukturen fest, ohne dass die agierenden Personen sich deren Vorhandensein jemals bewusst würden. Im Bereich der Unternehmensführung entstünden und grassierten derart „Managementmoden", die aber in keiner Weise in der Lage seien, auf ihre eigene Grundlegung, wie auch auf die durch ihre Anwendung erhofften wirtschaftlichen Zielgrößen, zu reflektieren. „Es regieren Buzz-Wörter wie lean, slim und light, die augenscheinlich einen ganz erheblichen Kontextwechsel erlitten haben. Sie haben sich zu so mächtigen wie gleichermaßen bedeutungslosen Floskeln aufgeschwungen. Als leere beziehungsweise flottierende Signifikanten rekurrieren sie auf ein vermeintliches Signifikat, das längst nicht mehr, oder allenfalls noch in zahlreichen und abgeschatteten sowie in höchstem Maße individuellen Bedeutungsvarianten fortbesteht." In verschiedenen Theorieszenarien arrangierte Ortmann Zitate von Nietzsche, De Certeau oder Lévi-Strauss, um dies zu verdeutlichen. Dennoch könnten manche dieser Methoden letztlich eine, wenn auch inverse und eher unerwartete, Nützlichkeit entfalten: „Tools füllen eine Lehre, die für Handelnde unerträglich ist und lassen doch hinter sich, was ich den „Zirkel des Anfangs" nenne. Sie ermöglichen mir eines: Den Weg, den ich nicht kenne, dann doch zu beschreiten."

Künstlerisch abgerundet wurde das 16. Innovationsforum durch den Vortrag des Berliner Künstlers Jörg Reckhenrich „Wer nicht denkt, fliegt raus!"

Weitere Informationen:
marcus.peter@daimler-benz-stiftung.de

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Innovationsforum

Das Innovationsforum ist als intensiver Workshop angelegt. Mit dieser Veranstaltung will die Daimler und Benz Stiftung die oftmals bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis für den Alltag des Wirtschaftslebens überbrücken. Sie wendet sich insbesondere an junge Manager aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, die mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen aktuelle Organisationstheorien und Managementkonzepte bewerten und an der beruflichen Realität messen. Schwerpunkte liegen bislang auf den Themen Macht, Unsicherheit, Absorptive Capacity und Pfadforschung.