Impulse für Wissen

publikum_bbv.jpg

Prof. Dr. Eckard Minx
 

Dr. Andreas Boes

Dr. Christoph Peters

Dr. Christoph Peters

Dr. Christoph Peters

Dr. Christoph Peters

© Daimler und Benz Stiftung/Hillig

14. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Dr. Andreas Boes

09. Mai 2016
Haus Huth, Berlin

Rund 40 junge Manager und Wissenschaftler kamen am 9. Mai im Berliner Haus Huth zusammen, um sich auf dem 14. Innovationsforum über Fachgrenzen hinweg zu Chancen und Risiken auszutauschen, welche durch die bevorstehende digitale Transformation der Arbeitswelt zu erwarten sind. „Wir erkennen: Vor uns liegt ein Strukturwandel, der gewaltig sein wird. Welche konkreten Folgen der Einsatz von extrem rechenstarken Computern und autonom agierenden Maschinen haben wird, welche Berufszweige maßgeblich betroffen sein werden und wo neue Arbeitsplätze entstehen können – dies müssen wir sehr sorgfältig untersuchen”, so Prof. Dr. Eckard Minx, Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung, bei seiner Begrüßung. Man müsse sich heute dieser Herausforderung stellen, denn nur so sei es möglich, Entwicklungen frühzeitig einzuschätzen und produktiv zu steuern. Eine interdisziplinäre Tagung der Stiftung zum Thema Roboterethik  im letzten November habe gezeigt, dass auch Fachleute in ihren Prognosen derzeit noch stark voneinander abweichen. Immerhin 50 bis 70 Prozent der heutigen Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Deshalb gelte es an zukunftsfähigen Konzepten zu arbeiten, die die Kompetenzen des Einzelnen stärken und ihn befähigen, diesen Wandel aktiv zu bewältigen. 

Die Veranstaltung eröffnete der wissenschaftliche Leiter, Dr. Andreas Boes (Institut für sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München) mit dem Vortrag „Die Digitalisierung braucht den Menschen – Zwischen ‚digitalem Fließband‘ und Aufbruch in eine neue Humanisierung von Arbeit.” Seit rund drei bis vier Jahren werde deutlich, dass das Thema digitale Transformation die Wirtschaft auf breiter Front erreiche. Gleichwohl hätten sich rund 70 Prozent der mittelständischen deutschen Firmen noch nicht genügend mit den auf sie zukommenden Herausforderungen beschäftigt. „Wir stehen vor einem historischen Gestaltungsprojekt, das in den nächsten 10 bis 15 Jahren auf die Schiene gebracht werden muss”, lautete Boes' Einschätzung. „Dabei wird es entscheidend sein, nach welchen Werten und Prinzipen wir handeln. In dieser Entwicklung liegt sehr viel positives Potenzial, wenn wir uns daran orientieren, was für den Menschen am Ende dabei herauskommt.” Große deutsche Unternehmen hätten sich mit den neuen Produktions- und Distributionsprozessen weit intensiver beschäftigt und würden die Chancen von E-Commerce, Industrie 4.0, Cloudworking und Smart Services im Rahmen ihres jeweiligen Geschäftsmodells bereits effektiv nutzen.

‚Agilität' sei für viele Unternehmen zum neuen Leitbild ihrer Organisationsstruktur geworden. Getrackte Arbeitsprozesse, die Entkopplung von Ort und Zeit sowie eine neue Kultur der Kooperation – gerade auch über Zeitzonen hinweg – würden derzeit einen gewaltigen Produktivitätssprung befördern. Für viele Arbeitnehmer erweise es sich allerdings als schwierig, sich den damit einhergehenden und oft unausgesprochenen Verfügbarkeitserwartungen anzupassen. Was der eine als Gewinn an Zeitsouveränität empfinde, stelle für den anderen eine Überforderung oder sogar ein Kontrollpanoptikum durch den Arbeitgeber dar. „Wir haben in Europa ein soziales Erbe, das wir gerade vor diesem Hintergrund nicht einfach über Bord werfen dürfen. Wir müssen diese Prozesse nutzen und zugleich derart steuern, dass sie unserer Selbstentfaltung dienen.” 

In seinem Vortrag „Crowdwork – Zukunft der Arbeit” zeigte der Wirtschaftsinformatiker Dr. Christoph Peters (Universität Kassel) auf, wie sich Wertschöpfungsketten aufgrund neuer digitaler Arbeitsformen verändern. Gleichwohl beträfe diese Umwälzung nicht nur Volkswirtschaften auf der Makroebene, sondern ebenso auf der Meso- (Institutionen, Organisationen) und der Mikroebene seien gewaltige Veränderungen zu beobachten. Immer mehr Unternehmen wünschten sich hoch qualifizierte Arbeitskräfte schlicht nach Bedarf und immer auf Abruf bereit. Dieses Prinzip eines „workers on tap” funktioniere derzeit bereits sehr flüssig bei Projekten, die auf hierfür eingerichteten Online-Plattformen ausgeschrieben würden. Ein Beispiel hierfür sei die Firma „Local Motors”, bei der 80 fest angestellte Mitarbeiter mit über 46.000 Crowdworkern an rund 40 – teils hochkomplexen – Einzelprojekten arbeiteten. 

Benjamin Mikfeld (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) widmete sich der Thematik „Arbeiten 4.0: Die digitale Arbeitswelt als Handlungsfeld für die Politik”. Durch die mitunter starke Zergliederung digitaler Arbeitsprozesse erwarte er für die Zukunft enorme Herausforderungen für nahezu alle Branchen und damit auch für fast jeden Arbeitnehmer. Dabei werde nicht nur Fachwissen im Bereich IT oder der Fremdspracherwerb eine wichtige Rolle spielen, sondern zunehmend auch Problemlösekompetenzen in einem weiten und allgemeinen Sinne. „Wir müssen diesen Wandel als gesamtgesellschaftliche Herausforderung betrachten. Die Arbeitnehmer sollten durch weitreichende Qualifizierungsmaßnahmen befähigt werden, und zugleich muss politisch eine gerechte sowie ökonomisch sinnvolle Verteilung der Produktionsgewinne ausgehandelt werden.” Die Frage nach einem Grundeinkommen für alle Bürger oder auch der Beurteilung, welchen Wert Arbeit jenseits ihrer pekuniären Definition besitzen könne, werde vor diesem Hintergrund völlig neu zu beantworten sein. 

„Die Herrschaftsformel: Künstliche Intelligenz und algorithmische Regulation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft” lautete der Titel des Abschlussvortrags des Journalisten und Publizisten Kai Schlieter. Wichtig sei es, darauf hinzuweisen, dass das Thema Künstliche Intelligenz (KI) nicht in der fernen Zukunft zu verorten sei. Vielmehr müsse in der aktuellen Diskussion erkannt werden, wo algorithmische Mustererkennung schon eingesetzt werde und wie autonom Computer bereits heute agierten. Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung sei seinen Recherchen nach das Militär, bereits 2012 sei in den USA jedes dritte Flugobjekt eine Drohne gewesen. 80 Prozent des Hochfrequenzhandels verlaufe vollautomatisiert und 80 Prozent aller Suchanfragen im Internet würden über die „Bewusstseinskonzerne” Facebook und Google abgewickelt. China plane, jedem Bürger einen algorithmisch ermittelten „citizen score” zuzuweisen, der unter anderem darüber entscheide, ob man ins Ausland reisen dürfe. Der springende Punkt der weiteren Entwicklung, so Schlieter, sei die Automatisierung der Programmierung. Hier könnten autonome Lernalgorithmen und Computernetzwerke entstehen, die von außen kaum noch zu verstehen bzw. zu steuern seien.

Dokumentation

[ zurück ]

Innovationsforum

Das Innovationsforum ist als intensiver Workshop angelegt. Mit dieser Veranstaltung will die Daimler und Benz Stiftung die oftmals bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis für den Alltag des Wirtschaftslebens überbrücken. Sie wendet sich insbesondere an junge Manager aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, die mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen aktuelle Organisationstheorien und Managementkonzepte bewerten und an der beruflichen Realität messen. Schwerpunkte liegen bislang auf den Themen Macht, Unsicherheit, Absorptive Capacity und Pfadforschung.