Impulse für Wissen

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Prof. Dr. Wolfgang Scholl

  

Dr. Walter Hoffmann
 

Prof. Dr. Stefan Kühl  
© Copyright sämtliche Fotos: Daimler und Benz Stiftung/Sullivan

08. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Scholl

22. Oktober 2012
Haus Huth, Berlin

Folgenschwer: Der Umgang mit Macht

Drei Innovationsforen wollen sich mit „Macht und Innovation" befassen. Das erste dieser Reihe – und das achte Innovationsforum insgesamt – beleuchtete den „Umgang mit Macht und seine Folgen".

Kein Philosoph ohne Machtphilosophie

Macht ist allgegenwärtig, nicht nur im Alltag, auch in der Theorie. Genau das zeigte Prof. Dr. Eckard Minx, Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung, in seiner Begrüßung. Kein Philosoph von Rang und Namen, habe sich dem Begriff der Macht verschlossen. Allerdings sei das Thema „Macht" in der Organisationsforschung eher unterrepräsentiert – vielleicht ein erster Hinweis darauf, dass über Macht im Unternehmen nur der spricht, der sie nicht hat. Wen von den Philosophen nennen und wen nicht? Minx entschied sich für Max Weber. Dass zum Beispiel Hannah Arendt nicht zitiert wurde, ist ein Hinweis auf die Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit von Macht, denn Macht hat viele Aspekte der Interpretation, und ganz gleich, welchen man bewusst in den Mittelpunkt rückt und welchen man aussparen will oder muss: Auch drei Innovationsforen werden dem Phänomen Macht nicht endgültig beikommen.

Prof. Dr. Wolfgang Scholl von der Humboldt-Universität zu Berlin leitete durch den Tag und verschaffte den Teilnehmern einen Überblick über die Formen der Machtanalyse. Anschaulich beschrieb Scholl die Entstehung von Rangordnungen und Machtunterschieden. Für Unternehmen ist die Machtforschung durchaus von Interesse, nicht nur weil Machtunterschiede natürlich mit Gehaltsunterschieden korrelieren. An der Legitimierung durch Wissen, soziale Kompetenz oder Fertigkeiten bei der Rekrutierung in die obersten Etagen der Wirtschaft hat die Forschung ihre Zweifel, sie erfolge eher nach der sozialen Herkunft.

Der Sozialpsychologe Scholl entwickelte nun die unterschiedlichen Folgen der Macht und stellte Macht vor allem als Potenzial dar. Die einfachste Form der Anwendung vorhandener Macht ist die Machtausübung. Der Ausübende handelt nach seinen Vorstellungen und Zielen, aber gegen die Interessen des Untergebenen. Aufgrund von Macht kommt es zu einer Interessenverletzung, weshalb der Betroffene und seine Umgebung diese Form der Machtanwendung als negativ empfinden. Es geht auch besser und geschickter. Von einer Einflussnahme spricht man dort, wo der mit Macht Ausgestattete im Einklang mit den Interessen des Untergebenen handelt und dabei dessen Interessen nicht verletzt.

Vernetzte Machteliten

Dr. Walter Hoffmann, der als selbstständiger Berater Kontakt zu Führungskräften hat, berichtete im zweiten Vortrag des Tages über Machteliten und deren Vernetzung. Er ging vor allem auf jene Eliten ein, die sich in Wirtschaft, Medien und nationalen bzw. internationalen Netzwerken gebildet hätten. Die gegenseitige Kontrolle von Unternehmen durch Personenidentität oder andere Verknüpfung wie Stakeholdership macht aus der Kontrolle eher einen Schutz vor ihr.

Macht, Wissen und Innovationserfolg

Auch Netzwerke operieren also mit Wissen – indem sie Informationen nur intern preisgeben und von außen kaum einsichtig sind. Wolfgang Scholl nahm im folgenden Vortrag die Bedeutung von Macht und Wissen bei Innovationen unter die Lupe. Auch hier stehen sich Machtausübung und Einflussnahme als gegenteilige Konzepte gegenüber. Untersuchungen haben laut Scholl gezeigt, dass Machtausübung offene Diskussionen und Wissenszuwachs behindere. Mächtige lernten selbst dort am wenigsten, wo ihr hohes Machtpotenzial mit hoher Machtausübung einhergehe. Machtausübung anstelle von Einflussnahme sei der wichtigste Grund für das Scheitern von Innovationen. Entgegen einer verbreiteten Meinung sei Machtausübung auch nicht zur Koordination nötig, mit wechselseitiger Einflussnahme gelinge das besser. Macht sollte also weiter auf die Fachkräfte verlagert werden, allerdings müssen sie dann auch mit entsprechender Verantwortung ausgestattet sein; dies werde als „Empowerment" bezeichnet.

Hierarchie und Führung – der doppelte Machtkreislauf

Über Hierarchie als spezieller Form von Macht sprach Prof. Dr. Stefan Kühl. Der Soziologe von der Universität Bielefeld erläuterte Wesen und Funktionsweise von Hierarchie. Ausgehend von einem bekannten, aber immer noch eindrucksvollen Experiment – die Nennung eines Doktortitels lässt Krankenschwestern jedes Regelwerk vergessen – gelang ihm ein Rundumschlag, der die Thesen der vorausgegangenen Vorträge aufgriff, spiegelte, und ihnen teilweise widersprach. Die Ausbildung von Hierarchien unterliegt Gesetzmäßigkeiten. Denn bloße Führung in permanentem Wandel ist auf Dauer nicht möglich – jedenfalls nicht in Organisationen mit mehr als 50 Mitarbeitern. In drei Dimensionen bildet sich Führung zu manifestierter Hierarchie aus: in zeitlicher Hinsicht, da die Verantwortlichen nicht ständig wechseln können; in sozialer Hinsicht: jeder Mitarbeiter will seinen Platz im Unternehmen haben, er muss irgendwo im Organigramm auftauchen; schließlich in sachlicher Hinsicht: es gibt kein Thema, keine Aufgabe des Unternehmens, die nicht in der Hierarchie zugeordnet ist.

Die letzte Stunde gehört der Kunst

Die Innovationsforen sind dafür bekannt, dass sie nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs zulassen, nicht nur Theoretiker mit Praktikern diskutieren lassen. Die letzte Stunde des Tages bleibt immer der Kunst. Mode und Performance waren es bei den letzten Innovationsforen, diesmal schlug der Film die Brücke vom Tagesthema zur Kunst. Filmkritiker Bert Rebhandl hatte Szenen aus acht Filmen ausgewählt, die ganz unterschiedliche Aspekte von Macht zeigten. Eine Szene aus John Fords „The Man Who Shot Liberty Valance" aus dem Jahr 1962 verwies auf die Rechtsordnung als Kennzeichen des Zivilisationsprozesses und damit auf das Begriffspaar „Macht und Gewalt". Und in „Der große Crash – Margin Call" (J. D. Chandor, 2011) fanden die Teilnehmer gleich mehrere Vorträge des Tages ins Bild gesetzt: Um Hierarchie und die Architektur der Macht ging es da ebenso wie um die Frage, ob Qualifikation oder Charisma und Autorität die Tür zur Macht öffnen.

Dokumentation

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Innovationsforum

Das Innovationsforum ist als intensiver Workshop angelegt. Mit dieser Veranstaltung will die Daimler und Benz Stiftung die oftmals bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis für den Alltag des Wirtschaftslebens überbrücken. Sie wendet sich insbesondere an junge Manager aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, die mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen aktuelle Organisationstheorien und Managementkonzepte bewerten und an der beruflichen Realität messen. Schwerpunkte liegen bislang auf den Themen Macht, Unsicherheit, Absorptive Capacity und Pfadforschung.