Impulse für Wissen

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Der Organisations­wissen­schaftler Günther Ortmann schlägt in der Diskussion die Brücke zwischen Theorie und Praxis.

09. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Günther Ortmann

06. Mai 2013
Haus Huth, Berlin

Der Umgang mit Macht, Führung und Hierarchie gehört zum beruflichen Alltag. Dennoch möchten Machthaber in Unternehmen ihre Macht mitunter nicht wahrhaben und sind darauf bedacht, keine Fehler zu begehen. Umgekehrt beklagen viele Machtunterworfene nicht nur die Macht ihrer Vorgesetzten und ihre Art zu führen, sondern zugleich deren Macht- und Führungsvermeidung.

Der Organisations­wissen­schaftler Günther Ortmann schlägt in der Diskussion die Brücke zwischen Theorie und Praxis.
  

In Gruppenarbeit vergleichen die jungen Manager organisationstheoretische Erkenntnisse mit den Erfahrungen ihres Berufsalltags.
 

Isidoro Fernandez stellt pantomimisch die Pose der absoluten Macht des Sonnenkönigs Ludwig XIV. dar. 

© Copyright sämtliche Fotos: Daimler und Benz Stiftung/Hillig

09. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Günther Ortmann

06. Mai 2013
Haus Huth, Berlin

Hemmschuh Organisation?

Der Umgang mit Macht, Führung und Hierarchie gehört zum beruflichen Alltag. Dennoch möchten Machthaber in Unternehmen ihre Macht mitunter nicht wahrhaben und sind darauf bedacht, keine Fehler zu begehen. Umgekehrt beklagen viele Machtunterworfene nicht nur die Macht ihrer Vorgesetzten und ihre Art zu führen, sondern zugleich deren Macht- und Führungsvermeidung. Wissenschaftler und junge Manager aus unterschiedlichen Branchen nehmen Organisationstheorien und Managementkonzepte beim Innovationsforum gemeinschaftlich unter die Lupe.

Industriesoziologie, Mikropolitik und Elitenzirkulation

Das Verhältnis von Macht und Innovation ist das zentrale Thema der aktuellen Trilogie des Innovationsforums der Daimler und Benz Stiftung. Treibt eine starke Führung Innovationen in Unternehmen voran oder werden sie dadurch eher gehemmt? Als Experte für Industriesoziologie erklärt Prof. Dr. Friedrich Weltz, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e. V. München: „Es gibt ein Wirrwarr an Konfliktkonstellationen in Unternehmen. Ziel aller Beteiligten muss die kontinuierliche Herstellung eines tragfähigen Konsenses sein – das gilt vor allem bei Innovationsvorhaben.“

Als Problematik spricht Weltz dabei die Doppelwirklichkeit der Unternehmen an: Auf der einen Seite gibt es eine offizielle Wirklichkeit im Sinne schriftlicher Festlegungen, andererseits die praktizierte Wirklichkeit der tatsächlichen Arbeitsvollzüge. Nicht selten zieht die Doppelwirklichkeit eine machtvolle Kontrollspirale nach sich, die durchbrochen werden muss. Sonst kann laut Weltz ein „management by Potemkin“, das unerfreuliche Realitäten verbirgt, nicht durch ein „management by realism“ abgelöst werden.

Mit der Mikropolitik in Organisationen setzt sich Prof. Dr. Günther Ortmann, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, auseinander und führt die Teilnehmer zugleich durch den diskursiven Tag. Er betrachtet Macht als Tauschverhältnis und Kontrolle relevanter Unsicherheitszonen. Daraus resultieren Spiele mit heimlichen Spielregeln in Organisationen. „Der Begriff des Spiels ist eine reichhaltige Metapher“, so Ortmann. „Es gibt Spielfelder, Spielorte, Spielzüge, Spielrunden und Spielkarten sowie bestimmte Trümpfe.“ Vor diesem Hintergrund untersucht die Organisationstheorie Unvorhersehbarkeit, Ersetzbarkeit, Monopolstellung und die Kontrolle von Regelkanälen – ein Kampf der Rationalitäten in Unternehmen.

Prof. Dr. Werner Nienhüser, Universität Duisburg-Essen, wirft einen wissenschaftlichen Blick auf die Elitenzirkulation und den organisatorischen Wandel: „Immer mehr Vorstände in Unternehmen kommen heute aus dem Finanzbereich.“ Der Aufstieg und Fall von Eliten hängt seiner Ansicht nach von Umweltveränderungen und den jeweiligen individuellen Fähigkeiten ab. Schwerpunkte legt er auf die strukturalistische Sichtweise hinsichtlich Eliten sowie die Mechanismen zwischen Elitenstruktur und Unternehmenskultur. Frühere Theorien, etwa des Elitentheoretikers Gaetano Mosca oder des Ökonoms Vilfredo Federico Pareto, vermögen die Frage nach der Zusammensetzung von Eliten letztlich nicht lösen, so seine Einschätzung. Neuere Ansätze zur Elitenzirkulation befassten sich unter anderem mit der Machtbeharrung organisationaler Eliten. Nienhüser resümiert: „Ich betrachte Organisationen als kleine Staaten.“ 

Fehler, Wirklichkeit und Spielregeln

Doch wie sieht die Realität des Berufslebens in den jeweiligen Organisationen aus? Wo stecken die Hemmschuhe? Welche persönlichen Erfahrungen bringt jeder Einzelne zum Thema Macht und Innovation mit? Und decken diese sich mit den Untersuchungen, Theorien und Analysen der Wissenschaftler? Die Teilnehmer des Innovationsforums widmen sich in kontroversen und angeregten Diskussionen dem Umgang mit Fehlern, doppelter Wirklichkeit und heimlichen Spielregeln in Unternehmen.

Obwohl das heutige Fehlermanagement in Organisationen von den Teilnehmern tendenziell als positiv bewertetet wird, zeigen sich in der Praxis erhebliche Unterschiede: So wird mit Fehlern innerhalb des eigenen Unternehmens anders umgegangen als mit externen Fehlern kooperierender Firmen. Auch große und kleine Organisationen unterscheiden sich hier erheblich. Sogar innerhalb eines Unternehmens kann die Fehlertoleranz von Abteilung zu Abteilung stark differieren – abhängig von Faktoren wie Zeitdruck oder Aufgabenstellung. Als übergreifende Problematik erweist sich während der Diskussion die Definition von Fehlern. Inwieweit sind Fehler vergleichbar oder kategorisierbar?

Die Frage nach der Existenz heimlicher Spielregeln in Organisationen – wie sie Peter Scott-Morgan in seinem Buch über die Macht der ungeschriebenen Gesetze beschreibt – wird in den Arbeitsgruppen des Innovationsforums übereinstimmend beantwortet: Sie erhält ein klares „Ja“. Aus alltäglichen Erfahrungen der Manager finden sich zahlreiche Beispiele für „resistance to change“, für Innovationsspiele mit hoher Fehlerriskanz und für Routinespiele, die eine wesentlich geringere Toleranz im Umgang mit Fehlern erlauben.

Stillschweigend in die Praxis?

Theorie und Praxis sollen im Sinne der Gesellschaft eine möglichst große Schnittmenge bilden. Das Format des Innovationsforums trägt dazu bei, diese oftmals bestehende Kluft zu überwinden. „Der unmittelbare Austausch von Wissenschaftlern und Managern zu Macht und Innovation soll sich bereichernd auf alle Beteiligten auswirken und positiv im Berufsleben niederschlagen“, so Prof. Dr. Eckard Minx, Vorsitzender des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung.

Der Pantomime Isidoro Fernandez beschließt das tagesfüllende Programm mit Einblicken in die Körpersprache zwischen Mächtigen und vielleicht weniger Mächtigen. Wortlose Gesten und Mimik statt vorgegebener Kommunikationsmuster genügen oft, um das Wesentliche auszudrücken. Seit Millionen von Jahren wird Körpersprache von Lebewesen instinktiv verstanden. Und schließlich steckt in jeder Organisation der Faktor Mensch hinter Macht und Innovation.

Dokumentation

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