Impulse für Wissen

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Bahnbrechende technische Umwälzungen veränderten nicht nur die Alltagsabläufe und Gewohnheiten der Menschen, sondern auch deren Wahrnehmungen, Gefühle, Kommunikationsstrukturen und Selbstbild. Niemals zuvor jedoch wurde derart intensiv über die Auswirkungen einer solchen Entwicklung auf die seelische Gesundheit diskutiert wie nach der Einführung des Internets.

Die Psychiatrie sollte bei dieser Diskussion – eigentlich – eine Expertenfunktion übernehmen. Gegenwärtig erweisen sich die meisten Urteile von Psychiatern und Psychologen von der eigenen Haltung gegenüber moderner Technik geprägt als durch empirische Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse. Hierfür gibt es Gründe: Eine wissenschaftliche Debatte zu diesem Thema findet innerhalb der Psychiatrie, abseits populistischer Zuspitzungen zum Thema „Internetsucht“ oder inhaltlich verkürzenden populärwissenschaftlichen Werken, nicht statt. Gänzlich ungeachtet der Tatsache, dass zahlreiche dieser Einwürfe widerlegt werden können, erfreuen sie sich in den Medien weiterhin großer Beliebtheit.

Dieser Mangel an psychiatrischem Wissen über kausale Zusammenhänge zwischen Internetnutzung und seelischer Gesundheit steht in eklatantem Widerspruch zum großen öffentlichen Interesse an der Thematik. Tiefer gehende wissenschaftliche Befragungen von Personen mit psychischen Problemen über die Bedeutung des Internets bei der Symptomentwicklung kommen abseits anekdotischer Berichte kaum vor, obwohl genau diese für die Beantwortung wichtiger gesellschaftlicher Fragen von Relevanz wären. Das Problem einer psychiatrisch fachlich angemessenen Herangehensweise liegt dabei vor allem in der Komplexität der Fragestellung begründet: Ist es das Internet an sich, ist es die Schwierigkeit der Anpassung an diese neue Technik, oder sind es die mit der technischen Entwicklung verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen, die möglicherweise zu Erschöpfung und Depressionen führen können? Und weiter: Wie lassen sich die Auswirkungen des Internets auf die seelische Gesundheit in einer Gesellschaft untersuchen, in der Zugang zum Internet so selbstverständlich ist, dass er bereits 2013 durch das Bundesverfassungsgericht als „Grundlage der Lebenshaltung“ anerkannt wurde?

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, dem großen öffentlichen Interesse an der Frage, ob die Technologie „Internet“ psychische Erkrankungen hervorruft oder negativ beeinflusst, mit wissenschaftlich fundierten Ergebnissen zu begegnen. Ein weiteres Ziel ist die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Frage, ob tief greifende technische Entwicklungen im Allgemeinen mit bestimmten Belastungsreaktionen in der Bevölkerung einhergehen und wie gegebenenfalls diesen Belastungen im Rahmen der aktuellen Entwicklungen sowie in Zukunft begegnet werden kann. Im Rahmen des auf drei Jahre angelegten interdisziplinären Förderprojekts „Internet und seelische Gesundheit“ wird unter anderem auch die dringende Frage nach Auswirkungen von Internetnutzung auf die seelische Gesundheit von Jugendlichen und dem Umgang mit Internet-bezogenen Konflikten in Familien bearbeitet.

 

Leitende Wissenschaftler:

  • Prof. Dr. Andreas Heinz (Charité Berlin)
  • Dr. Jan Kalbitzer (Wissenschaftlicher Leiter, Charité Berlin)
  • Prof. Dr. Thorsten Quandt (Universität Münster)
  • Dr. Tobias Matzner (Universität Tübingen)

 

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Ladenburger Kollegs

Ein „Ladenburger Kolleg“ stellt einen Forschungsschwerpunkt der Stiftung dar, in dem Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und teilweise Experten aus der Praxis zusammenarbeiten. In einer Explorationsphase wird zunächst untersucht, ob das ins Auge gefasste Thema von ihnen interdisziplinär und mit den von der Stiftung zur Verfügung gestellten Mitteln Erfolg versprechend bearbeitet werden kann. Sobald sich ein Kolleg gebildet hat, legt es sein Forschungsprogramm fest und agiert in hohem Maße autonom. Die beteiligten Wissenschaftler reflektieren bei regelmäßig stattfindenden Treffen den Fortgang des Forschungsprozesses und koordinieren die beteiligten Einzelprojekte des Vorhabens. Die Dauer eines Kollegs umfasst drei bis fünf Jahre, die erzielten Ergebnisse werden veröffentlicht.