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15. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr.-Ing. Sylvia Rohr

21. November 2016
Haus Huth, Berlin

In der Arbeitswelt zeichnen sich radikale Veränderungen ab. Bereits heute wird sichtbar, etwa im Rahmen der Mensch-Maschine-Interaktion, wie tiefgreifend und unumkehrbar jener Wandel ist, der durch die Digitalisierung angestoßen wurde. „Möchten wir diesen Prozess in seiner Dynamik begreifen, dann kann nicht allein das dahinterstehende Technologiemanagement im Fokus unseres Interesses stehen. Ebenso müssen wir nach den sozialen und psychologischen Konsequenzen dieser Entwicklung fragen“, so Prof. Dr. Eckard Minx,


 

© Daimler und Benz Stiftung/Hillig

15. Innovationsforum

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr.-Ing. Sylvia Rohr

21. November 2016
Haus Huth, Berlin

In der Arbeitswelt zeichnen sich radikale Veränderungen ab. Bereits heute wird sichtbar, etwa im Rahmen der Mensch-Maschine-Interaktion, wie tiefgreifend und unumkehrbar jener Wandel ist, der durch die Digitalisierung angestoßen wurde. „Möchten wir diesen Prozess in seiner Dynamik begreifen, dann kann nicht allein das dahinterstehende Technologiemanagement im Fokus unseres Interesses stehen. Ebenso müssen wir nach den sozialen und psychologischen Konsequenzen dieser Entwicklung fragen“, so Prof. Dr. Eckard Minx, Vorsitzender des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung, bei seiner Begrüßung zum 15. Innovationsforum der Daimler und Benz Stiftung. Eine Zunahme von Unsicherheit bleibe auf der einen Seite zu konstatieren. Auf der anderen Seite erhöhe die ungeahnte Zugänglichkeit von Daten eine weit effektivere und flexiblere Steuerung von Unternehmen – aber eben auch deren vollständige Durchleuchtung und Kontrolle. „Es entsteht unweigerlich eine Transparenz neuer Art, die an Führende wie Geführte große, mitunter sogar paradoxe Anforderungen stellt“, erläuterte Minx. „Was an hergebrachter Personalkultur sollte also bewahrt werden? Welche Werte und Kompetenzen im Bereich Führungsmanagement müssen wir entwickeln? Dies gilt es mit Augenmaß zu untersuchen, weil viel davon abhängen wird.“

Rund 40 Nachwuchsmanager und junge Wissenschaftler kamen am 21. November im Berliner Haus Huth zusammen, um das Thema „Führung im Spannungsfeld der Digitalisierung – Wandel verantwortlich gestalten“ zu diskutieren. Geleitet wurde das 15. Innovationsforum von Prof. Dr.-Ing. Sylvia Rohr, Geschäftsführerin der Graduate School of Excellence advanced Manufacturing Engineering an der Universität Stuttgart. „Wir benötigen neue Paradigmen für die Industrie der Zukunft. Dies schließt in hohem Maße die Qualifikation neuer Führungskräfte mit ein, insbesondere da der Grad an Selbstorganisation, von der Produktentwicklung bis hin zum Vertrieb der Waren, stetig anwächst.“

In seinem Vortrag „Wertorientiert, agil, nachhaltig? Wie sich Unternehmen wandeln müssen“ erläuterte Dr. Kurt Schmalz, geschäftsführender Gesellschafter der J. Schmalz GmbH, die aktuellen Entwicklungen aus der Perspektive eines im Schwarzwald ansässigen mittelständischen Unternehmens. 1910 gegründet, ist seine Firma heute Weltmarktführer im Bereich der Vakuum-Aufspanntechnik und beschäftigt rund 1.000 Mitarbeiter an weltweit 17 Standorten. „Was uns charakterisiert, ist zunächst eine traditionelle Ausrichtung. Wir verstehen uns als eigenständiges Familienunternehmen, planen langfristig und achten bei unseren Führungskräften auf einen wertebasierten Führungsstil.“ Genau aus dieser Haltung entspringe die Möglichkeit, soziale Strukturen im Unternehmen aufzubauen, die sich als stabil erweisen. Dies habe zum wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahre entscheidend beigetragen. Doch die gegenwärtigen Veränderungen seien gravierend, so Schmalz: „Wir sehen extrem kurze Entwicklungs- und Innovationszyklen, das Internet of things erfordert völlig neue Planungsprozesse.“ Eine wichtige Kompetenz zukünftiger Führungskräfte erkenne er darin, Werte und Ziele zu vermitteln, zugleich aber flexible Teams mit hohen Freiheitsgraden auszustatten.

„Führung auf dem Wege ins digitale Zeitalter – Anspruch und Wirklichkeit“ lautete der Titel des Vortrags von Prof. Menno Harms, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Hewlett-Packard GmbH. Bei zahlreichen Großunternehmen sei, so seine Einschätzung, während der letzten 30-Jahre eine nicht unproblematische Entwicklung zu beobachten. Während sich in den Zentralen eine zunehmende Machtfülle angesammelt habe, würden die Mannschaften lokaler Dependancen technokratisch eingeengt. „Wir sollten in Zukunft wieder deutlich mehr Vertrauen in die Potenziale der einzelnen Mitarbeiter zeigen!“, lautete sein Appell. In einer vernetzten Welt müssten Veränderungen so früh wie möglich wahrgenommen werden, da allein ihre schiere Geschwindigkeit auch Global Player in Abseits drängen könne. Auch lohne es sich sehr darüber nachzudenken, Mitarbeiter wieder bewusst am Kapital und Gewinn ihres Unternehmens zu beteiligen und aus abhängig Beschäftigten engagierte Teilhaber zu machen.

In seinem Vortrag, „Führung neu gedacht“, berichtete Philipp Herrmann von der eventure business ignition GmbH über seine Erfahrungen in der Berliner Start-up Szene. Während der letzten zwei bis drei Jahre habe es hier enorme Entwicklungen gegeben. Für etablierte Unternehmen sei es sehr schwer, Projekte gemäß der Gewichtung „Highspeed über Kontrolle“ durchzuführen. Doch immer deutlicher setze sich bei ihnen die Erkenntnis durch, dass die Konkurrenten der Zukunft nicht die Brancheninsider von heute seien, sondern digitale Giganten wie Amazon und Google oder agile Start-ups über künftige Geschäftsmodelle – und Marktzugänge – entscheiden. „Es wird zunehmend wichtiger, sehr gute junge Leute für sich zu gewinnen. Doch genügt es nicht, sie mit einer fest umrissenen Karriereaussicht zu locken. Die Unternehmen müssen dahin kommen, sie auf Augenhöhe anzusprechen und ihnen eine Mission anzubieten.“

„Die Persönlichkeit von Top-Managern: Reif für den digitalen Wandel?“, lautete der Vortragstitel von Prof. Dr. Marion Büttgen von der Universität Hohenheim. Positiv sei zu konstatieren, dass das digitale Kompetenzprofil der DAX 30-Vorstände während der letzten beiden Jahre aufgeholt habe. Dennoch bestünden im internationalen Vergleich weiterhin Defizite. Mit ihrem Team versuchte Büttgen in empirischen Studien jene Eigenschaften zu identifizieren, welche „Digital Leaders“ heute aufweisen. Anhand der Untersuchung von 332 Top-Managern beiderlei Geschlechts habe sich gezeigt, dass „Digital Leader“ im Vergleich zur Normalbevölkerung etwa eine höhere emotionale Stabilität besäßen. „Auch zeigten sie eine Neigung zu offener Kommunikation und sowie Experimentierbereitschaft“, so Büttgen. Als ein interessanter Ansatz bestehende Recruiting-Verfahren zu ergänzen, könnte das Sprachanalysetool PRECIRE erwogen werden, das Bewerber anhand von Sprachproben mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen korreliert.

Zum Abschluss des Innovationsforums ging der Neurowissenschaftler Dr. Arndt Pechstein der Frage nach: „Wie kommt das Neue in die Welt?“. Als problematisch erweise sich nach seiner Einschätzung, dass das europäische Denken seit der Aufklärung in mechanistischen und segregistischen Modellen gefangen sei. Die Überbetonung des analytischen Denkens scheitere jedoch heute an der schieren Komplexität der digitalen Welt. Als hilfreich erweise sich ein Blick in die Natur, die außerordentlich vielschichtige und mit der Umwelt effektiv interagierende Systeme hervorgebracht habe. Ob das Schwarmverhalten von Vögeln, der Stofftransport in Körperzellen oder bionische Bauprinzipen bei Walflossen – Optimierungsvorgänge aller Art seien gerade auch ohne bewusste Steuerung erfolgreich. „Das System der Zukunft muss – unter biologischen, technischen und sozialen Aspekten gleichermaßen betrachtet – um den Menschen herum aufgebaut werden. Seinerseits sollten Eigenschaften wie Empathie oder Intuition dabei eine weit wichtigere Rolle spielen, als heute.“

Broschüre zum 15. Innovationsforum (PDF)

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