Impulses for knowledge

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18. Berliner Kolloquium

04. Juni 2014
Berlin, Langenbeck-Virchow-Haus

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine steht beim 18. Berliner Kolloquium der Daimler und Benz Stiftung im interdisziplinären Brennpunkt. Experten aus Medizin, Neurowissenschaft, Technik, Recht, Ethik, Philosophie und Medienwissenschaft diskutieren über Human Enhancement, also die Verbesserung menschlicher Fähigkeiten mithilfe technischer Mittel.

Neuroimplantate, Neuroprothesen oder Eingriffe ins Gehirn: Technische Geräte, die im menschlichen Körper implantiert und mit dem Nervensystem verbunden sind, eröffnen neue Dimensionen für moderne Diagnose- und Therapieverfahren. Dabei tut sich eine Fülle ungeklärter Fragestellungen auf, etwa nach medizinischen Kriterien, rechtlichen Rahmenbedingungen, Gefahren durch Manipulation oder der Abschätzung von Nutzen und Risiken für die Betroffenen. „Human Enhancement ist ein Themenfeld, das unser Selbstverständnis als Menschen berührt“, so Prof. Dr. Eckard Minx, Vorsitzender des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung. „Bei unseren Förderaktivitäten steht der Mensch und die künftige Entwicklung der Gesellschaft im Mittelpunkt.“

Prof. Dr. Thomas Stieglitz, Universität Freiburg, Institut für Mikrosystemtechnik, ist wissenschaftlicher Leiter des 18. Berliner Kolloquiums und führt durch den Tag: „Bei diesen interdisziplinären Fragestellungen ist es wichtig, dass Mediziner, Ingenieure, Biowissenschaftler, Juristen, Betriebswissenschaftler und Philosophen alle voneinander lernen und ein Verständnis für die jeweiligen fachlichen Perspektiven entwickeln.“ Nur so könnten Innovationen schließlich ihren Weg in die Praxis finden. Dazu gehöre Offenheit sowie ein reges Interesse an der Disziplin des Gegenübers. Begleitend müsse nach Stieglitz ein öffentlicher Diskurs mit dem Ziel stattfinden, gerade bei kritischen Fragen einen gesellschaftlichen Konsens herstellen zu können.

Schnittstelle Neuron & Prothese

Als Ingenieur und Techniker widmet sich Stieglitz im ersten Teil der Tagung der technischen Machbarkeit von Neuroimplantaten. Wichtig sei für Anwendungen im Gehirn, für Unterstützung beim Stehen und Gehen, Greifen und Fühlen sowie Hören und Sehen grundlegendes Wissen über die elektrische Funktionsweise des menschlichen Körpers, das auf die Wissenschaftler Galvani und Volta im 18. Jahrhundert zurückgeht. Bereits heute lasse sich auf eine medizinische Erfolgsgeschichte der Neuroimplantate blicken: Mittlerweile wurden weltweit über 350.000 Herzschrittmacher, über 250.000 Cochlea-Implantate und mehr als 130.000 Rückenmarkstimulatoren zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt. „Implantate und Technik dürfen dabei keinesfalls das Nervengewebe schädigen oder Krankheiten auslösen“, betont Stieglitz. Biokompatibilität, Verträglichkeit, Größe, Steuerung und Haltbarkeit seien neben der Akzeptanz und Bezahlbarkeit wesentliche Herausforderungen für die Zukunft.

Hilfsmittel für den Menschen sind laut Dr. Bernhard Graimann, Otto Bock HealthCare GmbH, Translational Research & Knowledge Management kein neues Phänomen, denn Prothesen an Armen und Beinen benutzten schon die antiken Ägypter. Er wirft einen realistischen Blick auf die Neuroprothetik von heute: „Einschränkende Komponente ist die Mensch-Maschine-Schnittstelle, also der ansteuernde Teil eines Prothesensystems. So ist bei Exoprothesen die Funktionalität derzeit noch weit von dem entfernt, was tatsächlich möglich ist.“ Nicht alles technisch Machbare sei auch bezahlbar. Dennoch wäre es dank einer innovativen Technologie, der Targeted Muscle Reinnervation, inzwischen möglich, einen selektiven Nerventransfer vorzunehmen, sodass auch Menschen nach einer kompletten Armamputation wieder über eine begrenzte Mobilität verfügen: Die noch im Stumpf vorhandenen Arm- und Handnerven werden bei dieser Technologie auf den Brustmuskel umgelenkt. Über Elektroden auf der Brust kann schließlich eine moderne Armprothese gesteuert werden. Bis zum Jahr 2030 rechnet Graimann mit der Option einer direkten Schnittstelle zum peripheren Nervensystem und damit erheblichen Verbesserungen für Patienten.

Schnittstelle Ethik & Gesellschaft

Der Politologe Christopher Coenen, Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, betrachtet im zweiten Teil des 18. Berliner Kolloquiums Human Enhancement sowohl vor dem historischen Hintergrund als auch angesichts aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen. „Bereits seit den 1990er-Jahren besitzt das Thema politische Relevanz, etwa durch Doping im Sport oder die Diskussion um Designer-Babys“, so Coenen. Er skizziert die Geschichte des Transhumanismus – ein Menschheitsprojekt der Selbstüberwindung oder Selbstrealisierung mit dem Ziel, den eigenen Geist zu verewigen. Diese Bewegung präge die heutige Debatte, wobei sich kritische Fragen zur Mensch-Maschine-Verschmelzung ergäben: etwa der Zugang zu Human Enhancement, der gesellschaftliche Druck zur Selbstoptimierung, fragwürdige Verwendungen oder eine mögliche Verpflichtung zu Eingriffen in den Körper.

Die Grenzen zwischen Mensch und Technik stehen im Fokus des Vortags von Prof. Dr. Jens Clausen, Universität Tübingen, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin: Wer ist verantwortlich und wer handelt eigentlich? Im Rahmen der Begriffsklärung mahnt er zur Sorgfalt bei der Verwendung des Begriffs „Cyborg“. Derzeit reiche seine (Be-)Deutung von der wörtlichen Herkunft cybernetic organism über Mischwesen bis hin zur Annahme, dass es sich nicht um ein menschliches Wesen handele. „Der Mensch bleibt ein Homo faber, ein schaffender Mensch, der Werkzeuge nutzt“, resümiert Clausen. Um das klinische Potenzial von Neurotechnologien nutzen zu können, bedürfe es einer sorgsamen Kommunikation sowie wissenschaftlicher und ethischer Reflexion.

Welche Rolle sollte das Recht bei der Regulierung der Risiken oder Chancen durch Neuroenhancement bzw. Eingriffen ins Gehirn zur Verbesserung des Menschen spielen? Diese Frage erörtert Prof. Dr. Reinhard Merkel, Universität Hamburg, Institut für Kriminalwissenschaften, anhand unterschiedlicher Enhancement-Szenarios. Als grundsätzliche Aufgaben benennt er den Schutz der Menschen mit Neuroimplantaten vor Eingriffen Dritter, die Marktregulierung, den Schutz Dritter vor Eingriffen sowie die Erzwingung bestimmter Grenzen zum Eigenschutz und gesellschaftlichen Schutz. „Wir brauchen ein neues subjektives Menschenrecht für den Bewusstseinsfrieden. Ich nenne es das ‚Recht auf mentale Selbstbestimmung‘“, schließt Merkel seinen Vortrag und plädiert für die Aufnahme dieses Rechts in das Grundgesetz.

Schnittstelle Zukunft & Heilung

Im dritten Tagungsteil wagt Prof. Dr. Volker Sturm, Neurochirurgische Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Würzburg einen medizinischen Ausblick. Er berichtet von erfolgreichen Anwendungsfällen durch Hirnimplantate, unter anderem bei Patienten, die unter Bewegungsstörungen oder Tourette-Syndrom leiden. Als Pionier der Tiefen Hirnstimulation weist er auf deren zukunftsweisenden Einsatz in der Psychiatrie hin: Drogenabhängigkeit, Autismus und Demenz könnten möglicherweise durch die Tiefe Hirnstimulation beeinflusst werden. Sogar ethisch fragwürdige Steigerungen von Gedächtnisleistungen seien möglich, allerdings auf Kosten emotionaler und sozialer Leistungen. Gleichzeitig betont Sturm aber auch die Grenzen der aktuellen Forschung: „Wir sind weit davon entfernt, das Gehirn verstehen zu können. Es besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen, wobei jede einzelne 1.000 bis 10.000 Kontaktmöglichkeiten mit anderen Zellen hat. Das sind mehr Kontaktmöglichkeiten als Atome im Universum.“

Prof. Dr. Thomas Metzinger, Universität Mainz, Philosophisches Seminar, Forschungsstelle Neuroethik, befasst sich mit „virtueller Verkörperung“ und „robotischer Wiederverkörperung“. Ein Mensch könne einen Avatar nicht nur zur Bewegung, sondern auch zur Wahrnehmung benutzen. Dabei beginne er, sich erlebnismäßig mit ihm zu identifizieren und ihn zu kontrollieren – ein Vorgang, der bereits heute durch Gehirn-Maschine-Schnittstellen realisiert werden kann. Als normative Dimension nennt Metzinger neben der Technologiefolgenabschätzung, auch die Anthropologiefolgenabschätzung. „Es wird zwar nie gelingen, das Ich-Gefühl dauerhaft in einen Avatar zu versetzen“, so der Philosoph. Dennoch müsse sich die moderne Philosophie fragen, was die ethischen und gesellschaftlichen Konsequenzen dieser neuen Handlungsmöglichkeiten seien, etwa bei militärischen Anwendungen. Laut Metzinger könnten sie positive, aber auch negative psychologische Folgen haben. So bestünde unter anderem das Risiko von Depersonalisationsstörungen, eines erhöhten Suchtpotenzials oder eines veränderten Sozialverhaltens.

Über die soziale Entwicklung von Kindern mit Cochlea-Implantaten, d. h. elektrischen Hörprothesen, referiert Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat, Deutsches HörZentrum Hannover. Erfolge eine Implantation bereits während der Phase der Hörbahnreifung zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat, hätten die Kinder deutlich bessere Bildungs- und damit Berufschancen. „Ihr Sprachverstehen lässt sich mit dem von normal hörenden Kindern vergleichen, so dass die gesellschaftliche Akzeptanz gegeben ist“, erklärt Lesinski-Schiedat. Künftig könne neben der elektrischen Stimulation, auch eine pharmakologische Anregung der Haarzellen im Ohr erreicht werden – idealerweise mit dem Ausblick auf deren Regeneration.

Unterwegs als Cyborg?


Alle Fotos © Daimler und Benz Stiftung/Hillig

Im Abendvortrag des 18. Berliner Kolloquiums der Daimler und Benz Stiftung betrachtet Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth, Direktor Cologne Game Lab, Fachhochschule Köln, Menschenbilder in ungewöhnlicher Form: nicht metaphorisch, sondern im wörtlichen Sinn als Bild vom Menschen. Er wagt einen Rundblick, wer wir zu sein scheinen und einen Rückblick, wie wir Cyborgs wurden. Heute bewege sich der Mensch bereits als Cyborg in einer technisierten Umwelt: Er fährt Rad oder Auto und lagert sein Gedächtnis zum Teil in Speichermedien aus, etwa bei Telefonnummern oder zur Ortsorientierung. Freyermuth gibt auch einen Ausblick, wohin sich der Mensch entwickeln könnte. Dazu analysiert er vorindustrielle, industrielle und postindustrielle Menschenbilder anhand zeitgeschichtlicher Technik sowie der Entwicklung neuer Gesellschaftsschichten und damit eines neuen Alltagslebens. „Wir sind nicht mehr, wer und was wir glauben zu sein: Menschen, wie unsere Vorfahren. Wir sind Cyborgs“, stellt Freyermuth fest. Der Mensch könne in seiner Betrachtung vielmehr als eine sich entwickelnde humanoide Software bzw. ein humanoides Programm angesehen werden. Romane, Filme und vor allem Computerspiele würden seiner Ansicht nach derzeitige Menschenbilder produzieren.

Broschüre

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