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Bürokratisierung des Islam und ihre gesellschaftlichen Konsequenzen in Südostasien.

 
 

Prof. Dr. Dominik Müller leitet eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Emmy Noether-Nachwuchsgruppe, die sich aus ethnologischer Perspektive mit der Bürokratisierung des Islam und ihren gesellschaftlichen Konsequenzen in Südostasien befasst. Er forscht über das Thema "Soziale Kategorisierung und die Aushandlung religiöser Staatsmacht in Südostasien" und ist seit 2018 Stipendiat der Daimler und Benz Stiftung. Im November 2019 erhielt er einen Ruf an die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg, wo er als Ethnologe im interdisziplinären Elitestudiengang „Standards of Decision-Making Across Cultures" unterrichtet. Aus diesem aktuellen Anlass bat ihn die Stiftung um ein Interview.

Sie haben am 31. Juli 2019 einen Ruf and die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf eine Professur für Kultur- und Sozialanthropologie erhalten, die im Rahmen des Elitestudiengangs „Standards of Decision-Making Across Cultures" eingerichtet wird. Was ist Ihre Einschätzung: Hat das Stipendium der Daimler und Benz Stiftung dazu beitragen, Ihre wissenschaftliche Karriere voranzubringen?
Die Förderung war zweifellos eine große Unterstützung. Sie ermöglichte mir die Durchführung zweier Workshops in Harvard und Oxford, durch die eine Kooperation entstand, die nun in Folgeveranstaltungen und einer wissenschaftlichen Publikation weitergeführt wird. Dass ich die Auswahlkommission der Stiftung von meinem Projekt überzeugen konnte, hat zur Sichtbarkeit und Profilentwicklung meiner Forschung ganz gewiss beigetragen.

Wie haben Sie das wissenschaftliche Auswahlverfahren der Stiftung erlebt?
Anspruchsvoll und spannend! Die eingeladenen Kandidaten wurden in Gruppen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen eingeteilt, die nach Kurzvorträgen mit herausfordernden Fragen konfrontiert wurden. Ich habe dabei viel gelernt, aus Bereichen, mit denen ich sonst kaum in Kontakt käme. An einige Vorträge erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Alle waren von hoher Qualität.

Sie haben bereits an zwei Jahrestreffen der aktuellen und ehemaligen Stipendiaten im Carl Benz-Haus teilgenommen und dort auch Ihr wissenschaftliches Projekt vorgestellt. Wie empfanden Sie den interdisziplinären Austausch mit den anderen Alumni bzw. den Stipendiaten?
Es wurden beeindruckende Arbeiten präsentiert, allgemeinverständlich, kurz und bündig, was angesichts der Komplexität vieler Themen nicht einfach ist. Auch die Abendvorträge waren echte Highlights, nicht zuletzt, weil sie von herausragenden Persönlichkeiten sehr authentisch präsentiert wurden. In den Gesprächen mit den Mitstipendiaten, Alumni und Stiftungsvertretern ergaben sich ungeahnte Achsen des Austauschs.

Wenn Sie an Ihre Feldforschungen in Brunei, Malaysia und Singapur denken, was waren Ihre eindrücklichsten Erfahrungen?
Bei jeder Reise lerne ich Neues, das mich zwingt, zu wissen Geglaubtes zu hinterfragen. Geprägt hat mich meine Forschung bei Malaysias islamistischer Oppositionspartei. Ich untersuchte deren Öffnung für zuvor als unislamisch abgelehnte popkulturelle Ausdrucksformen. Eindrücklich war auch ein Exorzismuszentrum in Brunei. Magie wurde in Brunei kürzlich im Zuge einer größeren Rechtsreform durch die Regierung zu einer strafrechtlichen Kategorie erklärt, unterstützt durch Akademiker, die dies als wissenschaftlich fundiert betrachten. Eine Veranstaltung der Islambehörde Singapurs, bei der eine Expertin aus Stanford den Mufti über neueste Trends der Biotechnologie mit Blick auf Ethik-Debatten beriet, offenbarte eine völlig andere Spielart des institutionalisierten Islam – Welten davon entfernt, was viele Menschen sich unter einer islamischen Bürokratie vorstellen. Besonders war auch eine Reise mit dem Vizepräsidenten der Islamischen Partei Malaysias durch Deutschland. Oft ist das vermeintlich Fremde ohnehin näher, als man denkt. Neulich erzählte mir ein Wissenschaftler eines Pariser Eliteinstituts von übernatürlichen Erfahrungen, und in Frankfurt hört man von Business-Schamanen. Als Ethnologe mag ich Momente, die gängige Unterscheidungen, wie die des Rationalen und Irrationalen, magischer und wissenschaftlicher Weltbilder oder westlicher und nicht-westlicher Kosmologien, aufbrechen.

Ausgehend von Ihrer Forschungsarbeit führten Sie auch Auftragsforschungen durch. Worin liegt der konkrete Anwendungsnutzen Ihrer Forschung?
Ich betreibe Grundlagenforschung, die ethnologisches Wissen zu Islam, Politik und Gesellschaft in Asien generiert. Derartige Forschung ist deskriptiv empirisch, idealerweise auch theoriebildend, und von Anwendungserwägungen unabhängig. Es treten jedoch regelmäßig außeruniversitäre Interessengruppen an mich heran. Beispielsweise habe ich eine Auftragsforschung zum malaysischen Management islamischer Almosen durchgeführt, für eine deutsche Institution, die eine afrikanische Regierung zur Armutsbekämpfung beriet. Auch war ich Menschenrechtsberichterstatter. Zuletzt wurde meine Expertise zur Scharia-Strafrechtsreform in Brunei gesucht – von Medien wie der BBC, Washington Post, Spiegel Online und Asia Times, von diplomatischen Vertretungen, Amnesty International und in einem Asylrechtsverfahren. Manche Anfragen musste ich aus forschungsethischen Gründen jedoch auch absagen.

In Brunei etwa arbeiteten Sie mit staatsislamischen Behörden zusammen oder mit gesellschaftlich gut gestellten, staatsnahen Personen, die ein „Scharia-konformes Medizin-und Exorzismus-Zentrum" betreiben. Wie lässt sich deren Motivation beschreiben, um mit Ihnen als westlichem Forscher, dessen (wissenschafts-)kritische Grundhaltung ja bekannt sein dürfte, zu kooperieren?
Eine Vertreterin dieses Zentrums war selbst im Wissenschaftsmanagement tätig, auch andere haben Universitätsabschlüsse. Sie konnten meinen Wunsch einer systematischen Entwicklung von empirisch fundiertem Wissen über ihre Arbeit somit bestens nachvollziehen. Sie betrachten ihre Arbeit ja auch als wissenschaftlich fundiert. Andere wollen schlicht über eine Wahrheit, welche sie als solche annehmen, aufklären. Allerdings muss ich auch sagen, dass in diesem Fall meine Motivation einer Kooperation wesentlich größer war als die des Zentrums. Anders war es bei Malaysias islamistischer Opposition, wo einige meine Forschung als Chance sahen, ein positives Image ihrer Partei international zu kommunizieren.

Wo erkennen Sie die größten kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern, in denen Sie forschen, und Deutschland? Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten?
Pauschale Aussagen über kulturelle Unterschiede zwischen Ländern sind problematisch. Die Gefahr ist, Menschen eine Art kultureller DNA zu unterstellen, und dabei die Komplexität individueller Prägungen zu negieren. Die Ethnologie lehnt die Idee territorialer Kulturkreise ab. Ich persönlich fühle mich Kolleginnen und Kollegen in Asien mitunter kulturell näher als manchen deutschen Nachbarn. Individuelle Kultivierung funktioniert in unserer globalisierten Welt oft jenseits nationaler Grenzziehungen. Natürlich gibt es kulturelle Differenz. Ein undifferenzierter Kulturbegriff richtet jedoch mehr Schaden an, als dass er analytisch hilfreich ist, gerade wenn nationalistische und identitätspolitische Abgrenzungserzählungen ins Spiel kommen. Im Übrigen sind beispielsweise im bürokratisierten Exorzismus Bruneis Bezugnahmen auf europäische Esoterik präsent, was globale Verflechtungen unterstreicht.

Abschließend, wenn wir sie einmal als internationalen Bürokratieforscher fragen, Hand aufs Herz: Welche Bürokratie ist tückischer, birgt größere Untiefen für Antragsteller – diejenigen in Südostasien oder unsere einheimische?
Das routinierte Beschweren über die Tücken der Bürokratie ist ein kulturelles, also gelerntes Muster, in Asien ebenso wie in Europa. Zweifellos folgt Bürokratie charakteristischen Logiken, die Widerstände provozieren. Auch pflegt Bürokratie, ihre Arbeit als objektiv, de-personalisiert und rational darzustellen, während alle Beteiligten wissen, dass dies eine Fiktion ist. Bürokratien mögen tückisch sein, sie eröffnen jedoch auch Handlungsspielräume und mikro-politische Arenen. Das ist grundsätzlich in Deutschland nicht anders als in Asien. Natürlich ist jede Bürokratie auch einzigartig, und der Teufel steckt im Detail - wobei Vertreter von Islambürokratien vielleicht ergänzen würden, dass auch Gott stets mit im Spiel ist.

Dominik Müller promovierte 2012 am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen" in Frankfurt mit einer Studie zur Entstehung des „Pop-Islamismus" in Malaysia. Es folgte ein Postdoc Fellowship am Exzellenzcluster in Frankfurt sowie Gastaufenthalte an der Stanford University, der University of Oxford, der National University of Singapore und der University of Brunei Darussalam. 2016 etablierte er seine Emmy Noether-Nachwuchsgruppe am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung (Abteilung „Recht & Ethnologie"). In den vergangenen beiden Jahren absolvierte er zudem zwei Fellowships an der Harvard Law School, wobei der zweite Aufenthalt von der Daimler und Benz Stiftung mitfinanziert wurde. Seit November 2019 hat Müller eine W2-Professur für Kultur- und Sozialanthropologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er führte ethnographische Feldforschungen zu Religion und Politik in Brunei, Malaysia und Singapur durch, und betreut weitere Projekte in Indonesien und den Philippinen. In den vergangenen drei Jahren organisierte Müller zahlreiche internationale Workshops und Konferenzpanels zu Staat-Islam-Beziehungen in Südostasien (u. a. in Harvard, Oxford, Cambridge, Toronto, Washington DC, Denver, Singapur und Seoul) und hielt eingeladene Gastvorträge in Stanford, Berkeley, Paris, Prag, Leiden, Palu (Indonesien) und Brunei.