E-MailSucheenglishdeutschTwitterYouTube

Logo

 
 
Shyam Wuppuluri (Stipendiat 2020)
 
 

© Dali Wu, Montreal

Von Elektronen zu Elefanten und Elektoraten: ein großes vereinheitlichtes Narrativ zu Inhalten und Kontexten

Die Naturwissenschaften verfahren heute überwiegend reduktionistisch: Wir denken von unten herauf. Wir erklären Prozesse, indem wir sie auf Komponenten auf einem niedrigeren Niveau herunterbrechen. Wir reduzieren chemische Prozesse auf Moleküle, diese wiederum auf Atome, dann auf Elektronen, Protonen, Neutronen und so weiter. Wir erklären Ökosysteme durch Populationen von Organismen, Organismen durch Genetik, Genetik durch DNS und Eiweiße. Solche Reduktionen sind jedoch einfacher zu bewerkstelligen als ihr Gegenteil: die Demonstration, dass das System auf der niedrigeren Ebene tatsächlich dasjenige auf der höheren Ebene erklärt, aus dem es reduziert wurde. So sind wir zum Beispiel nicht in der Lage, die Eigenschaften von Atomen – selbst Helium – rigoros mit Hilfe der Schrödingergleichung herzuleiten. Die Faltung von Proteinen kann nicht aus der Aminosäurensequenz kalkuliert werden, ebenso wenig wie sich der Phänotyp eines Organismus zwingend aus seinem Erbgut ergibt. Die Dynamik von Galaxien lässt sich – auch rein rechnerisch – nicht aus der Zusammenwirkung der sie bildenden Sterne ableiten.

Die Alternative zu diesem Verfahren wäre ein holistischer Ansatz – die Perspektive von oben herab. Nehmen wir ein Ökosystem oder einen Organismus: Hier kann man nach Mustern suchen, ohne deren Größenordnung zu verlassen. Statt eine Galaxie als 400 Milliarden Punktmassen (Sterne) zu modellieren, können wir sie als ein eigenständiges Objekt betrachten, das bestimmte Eigenschaften besitzt (spiralförmig, elliptisch). Ein Wirbelsturm lässt sich als eine strukturierte Form von Wasserdampf und feuchter Luft begreifen, woraufhin wir auf dieser Ebene nach Mustern suchen können. Der Reduktionismus bezieht sich vor allem auf Inhalte, während holistische Modelle sich für den Kontext interessieren. Was einen Wirbelsturm erzeugt, ist die warme Oberfläche des Ozeans, Winde mit einer bestimmten Wirbelgeschwindigkeit und so weiter. Natürlich bedeutet dies nicht, dass die Dinge auf der niedrigeren Ebene sich nicht auf die höheren Ebenen auswirken: Ohne eine ausreichende Zahl an Elektronen gäbe es keinen Elefanten, ohne genügend Menschen kein Elektorat. Doch es gibt einen besonderen Sinn, in dem wir von den niedrigeren Prozessen (un)abhängig sind. Reduktionismus (Inhalt) und Holismus (Kontext) sind nicht gegensätzliche Philosophien, man muss sie zusammen denken.

Das Zusammenspiel zwischen Inhalt und Kontext und seine Rolle bei der Gestaltung des système du monde möchte ich systematisch untersuchen, indem ich einen interdisziplinären Sammelband zusammenstelle, der mindestens sieben Wissensgebiete in Dialog bringt: von der Philosophie bis zu den Naturwissenschaften.

Shyam Wuppuluri ist der Albert-Einstein Stipendiat 2020 sowie Elected Fellow der Royal Society of Arts. Er ist Lehrer in Mumbai, Indien, und arbeitet interdisziplinär an der Grenze von Naturwissenschaft und Philosophie. Wuppuluri ist Herausgeber von The Map and the Territory: Exploring the Foundations of Science, Thought and Reality (Springer Verlag, 2018) sowie Space, Time and Limits of Human Understanding (Springer Verlag, 2017).