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Einstein-Stipendium
 
 

© Dali Wu, Montreal

Von Elektronen zu Elefanten und Elektoraten: ein großes vereinheitlichtes Narrativ zu Inhalten und Kontexten

Die Naturwissenschaften verfahren heute überwiegend reduktionistisch: Sie denken von unten herauf. Sie erklären Prozesse, indem sie Komponenten auf ein niedrigeres Niveau „herunterbrechen“. Chemische Prozesse werden auf Moleküle, diese wiederum auf Atome, schließlich auf Elektronen, Protonen, Neutronen und so weiter reduziert. Ökosysteme werden durch Populationen von Organismen erklärt, Organismen durch Genetik, Genetik durch DNS und Eiweiße. Solche Reduktionen sind einfacher zu bewerkstelligen als ihr Gegenteil: Die Demonstration, dass das System auf der niedrigeren Ebene tatsächlich dasjenige auf der höheren Ebene erklärt, aus dem es reduziert wurde. So sind wir zum Beispiel nicht in der Lage, die Eigenschaften von Atomen – selbst Helium – rigoros mit Hilfe der Schrödingergleichung herzuleiten. Die Dynamik von Galaxien lässt sich – auch rein rechnerisch – nicht aus der Zusammenwirkung der sie bildenden Sterne ableiten.

Die Alternative zu diesem Verfahren wäre ein holistischer Ansatz – die Perspektive von oben herab. Betrachten wir ein Ökosystem oder einen Organismus: Hier kann man nach Mustern suchen, ohne deren Größenordnung zu verlassen. Statt eine Galaxie als 400 Milliarden Punktmassen (Sterne) zu modellieren, können wir sie als ein eigenständiges Objekt betrachten, das bestimmte Eigenschaften besitzt (spiralförmig, elliptisch). Der Reduktionismus bezieht sich vor allem auf Inhalte, während holistische Modelle sich für den Kontext interessieren. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Dinge auf der niedrigeren Ebene sich nicht auf die höheren Ebenen auswirken: Ohne eine ausreichende Zahl an Elektronen gäbe es keinen Elefanten, ohne genügend Menschen kein Elektorat. Es gibt einen besonderen Sinn, wenn wir von den niedrigeren Prozessen (un)abhängig sind. Reduktionismus (Inhalt) und Holismus (Kontext) sind nicht gegensätzliche methodische Verfahren, man muss sie vielmehr zusammendenken.

Ziel des geförderten Stipendiums ist es, das Zusammenspiel zwischen Inhalt und Kontext und seine Rolle bei der Gestaltung des système du monde systematisch untersuchen und das Ergebnis in einen interdisziplinären Sammelband zu publizieren. Dabei sollen mindestens sieben Fachbereiche in einen Dialog gebracht werden: von der Philosophie bis zu verschiedenen Disziplinen der Naturwissenschaften.

Shyam Wuppuluri arbeitet als Lehrer in Mumbai, Indien. Er studierte Informatik an der Jawaharlal Nehru Technological University, Anantapur. Von ihm erschien u.a. The Map and the Territory: Exploring the foundations of Science, Thought and reality (Springer Verlag, 2018) sowie Space, Time and Limits of Human Understanding (Springer Verlag, 2017).