E-MailSucheenglishdeutschTwitterYouTubeFacebook

Logo

 

War Einwanderung schuld am Untergang des römischen Reiches? Die Spätantike als Modellfall der Migrationsgeschichte

 

„Althistoriker sind es nicht gewohnt, dass ihre Arbeit im Zentrum gesamtgesellschaftlicher Debatten steht“, leitete Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner seinen Vortrag ein. Der Althistoriker hat den Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Universität Tübingen inne und forscht zur europäischen Spätantike im Zeitraum etwa zwischen 300 und 700 n. Chr. Das allgemeine Interesse an seinem Forschungsgebiet habe sich mit der Flüchtlingskrise 2015 geändert, als das Wort „Völkerwanderung“ wieder in aller Munde war. „Mit dem Wort ‚Völkerwanderung‘ verbindet sich in der Regel ein diffuses Geschichtsbild, das Konnotationen aufruft, die alle um Bedrohung, Gewalt, Kontrollverlust, rapiden sozialen Wandel, Ordnungszersetzung und um den Niedergang historischer Errungenschaften kreisen“, erläuterte Schmidt-Hofner. Dies führe direkt zu dem genauso diffusen Geschichtsbild vom Untergang Roms. Doch Analogien zwischen dem modernen Migrationsgeschehen und der sogenannten europäischen Völkerwanderungszeit seien insofern problematisch, als sie der Komplexität des historischen Geschehens nicht gerecht werden und in vieler Hinsicht nicht dem Debattenstand der Geschichtswissenschaft entsprechen.

Die im Titel des Vortrags gestellte Frage, ob Einwanderung schuld sei am Untergang des römischen Reiches, sei nur rhetorisch gestellt und klar mit „Nein“ zu beantworten. Er wolle mit dieser Frage vielmehr ein Geschichtsbild kennzeichnen, wie diese Epoche als Modell moderner Migrationen gelesen wurde, und diesem Geschichtsbild eine alternative Deutung der Mobilitätsphänomene jener Zeit gegenüberstellen. An dieser arbeite die Geschichtswissenschaft derzeit, so Schmidt-Hofner.

Das Wort „Völkerwanderung“ verbinde sich für viele mit kartografischen Repräsentationen in Schulbüchern und Nachschlagewerken, die bestimmte Migrationsprozesse germanischer Großgruppen (Goten, Vandalen, Sueben, Langobarden usw.) fokussieren. Darin werden lange, über Generationen anhaltende Kontinuitäten ethnisch mehr oder minder homogener Verbände bzw. Völker dargestellt, die als solche lange Wanderungen über viele Generationen erlebt hätten. Schließlich suggerieren diese Karten dann auch einen kausalen Nexus zwischen den Völkerwanderungen und dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft. „All dies ist heute überholt“, betonte Schmidt-Hofner. Tatsächlich beschreiben jene Geschichtsbücher aber nur einen Bruchteil der Migrationsprozesse der Zeit. Neuere Darstellungen schildern den Untergang Westroms nicht als von der Völkerwanderung getrieben, sondern als Konsequenz von Bürgerkriegen. „Die barbarischen Kriegerverbände verstärkten dabei bloß deren Effekt.“

Hinsichtlich der Idee, Völker seien über Generationen stabile Abstammungsgemeinschaften mit distinkten kulturellen Merkmalen, die dann als solche stabilen Gebilde auch wandern konnten, ohne diese Merkmale zu verlieren, überwiege in der Forschung mittlerweile bei weitem die Skepsis. „Heute versteht man Ethnizität vielmehr als ein subjektives Konstrukt, als Selbstzuschreibung, die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit bestimmten soziokulturellen Identitätsmarkern verbindet, etwa Sprache, Bräuche, Religion oder Konfession, Herkunftssagen und historische Tradition“, erläuterte Schmidt-Hofner. Außerdem gehe man davon aus, dass ethnische Zugehörigkeit nur eine von mehreren Quellen von Identität und damit ein Element ist, das sich wandeln, das entstehen und vergehen kann: „Dieser konstruktivistische Blick auf Identität hat Folgen dafür, wie wir uns sozialen und kulturellen Wandel durch Migrationsprozesse in der Spätantike und ganz konkret auch die Formierung der poströmischen Gesellschaften Westeuropas vorstellen müssen.“ Es gehe dabei nicht um die Ablösung einer Kultur durch eine andere, sondern vielmehr um offene Aushandlungsprozesse zwischen Ansässigen und Neuankömmlingen. Natürlich liefen diese Prozesse nicht ohne Konflikte oder Gewalt ab. Es war aber doch eine soziale Formierung im gegenseitigen Austausch, befördert durch die prinzipielle Offenheit von Identität und Kultur.

Diesen Aushandlungsprozessen wende sich die Fachdebatte gerade verstärkt zu. Schmidt-Hofner gab hierzu einen kurzen Einblick in sein eigenes Forschungsgebiet, die Einwanderung der West- oder Visigoten und der Burgunder in das südliche Gallien im 5. Jahrhundert. „Was wir gesehen haben, ist eine Mikrogeschichte aus der Völkerwanderungszeit, in der die Brille der Völkerwanderung mit katastrophalen Effekten, die man lange auf diese wichtige Transformationsphase der europäisch-mittelmeerischen Geschichte gelegt hat, allenfalls eine Nebenrolle spielt“, lautete sein Resümee. Um die Migrationsprozesse jener Zeit zu verstehen, müsse man so tief wie möglich in die regionale und lokale Ebene hineinschauen, um dort Interaktionen und Dynamiken zu beobachten. „Dies ist ein durchaus anderer Ansatz als die großen Völkerwanderungserzählungen“, betonte Schmidt-Hofner abschließend.

Referent
Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner forschte und lehrte an den Universitäten Heidelberg und Basel; im Jahr 2014 wurde er auf einen der beiden Lehrstühle für Alte Geschichte an der Universität Tübingen berufen. Schmidt-Hofner erhielt den Heinz Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und ist seit 2016 ordentliches Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts.
 

Dialog im Museum
17. Februar 2022
Mercedes-Benz Museum
70372 Stuttgart

Referent:
Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner