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Für eine Infrastruktur, die den Alltag verbessert – Neue raum-zeitliche Konzepte für die Gestaltung einer nachhaltigen Siedlungslandschaft

 

Michaeli © Evi Lemberger

Prof. Mark Michaeli setzte sich in seinem Vortrag mit den Folgen des gesellschaftlichen Wandels für die Veränderung der bebauten und unbebauten Umwelt auseinander. Anhand einiger Beispiele gab er Einblick in seine Forschung, die von der Grundfrage ausgeht, wie sich die nachhaltige Stadt („sustainable city“) in Zukunft gestalten lässt. Stadtplaner spielen für deren Gestaltung eine zentrale Rolle, doch es sei ganz wichtig zu verstehen, „dass man in den Städten glücklich wird, die man selber entworfen hat, die man selber mitformen konnte“, so Michaeli.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Raumgestaltung liege eine große Diskrepanz. So seien in unserem Wunschbild Stadt und Land ohne ausfransende Siedlungsränder klar voneinander abgegrenzt. Die Realität entspreche jedoch vielmehr einem System der Infrastruktur und Logistik, das gar nicht in der Lage sei, diese Wunschbilder zu verwirklichen. Um es dennoch zu schaffen, eine nachhaltigere Stadt mit neuen Siedlungs- und Raumstrukturen zu erzeugen, müsse man sich nicht nur mit der Stadt auseinandersetzen, sondern mit dem Modus, in dem der städtische Raum produziert werde, betonte Michaeli. Weiterhin müsse man sich bewusst sein, dass sich dieser Modus permanent ändere. So haben etwa Technologien wie das Smartphone die täglichen Routinen extrem verändert.

In einem kurzen theoretischen Exkurs erläuterte Michaeli die wesentlichen Merkmale von Nachhaltigkeit. Einer Definition des israelischen Wissenschaftlers Michael Ben-Eli zufolge sei diese nicht als Zustand, sondern als dynamisches Gleichgewicht zu betrachten. Dieses Gleichgewicht werde vom Verhalten und den Ansprüchen der Population, aber auch von der sich verändernden Tragfähigkeit und Kapazität der Umgebung beeinflusst. „Die Transformationsforscher hingegen sagen, es reiche nicht aus, den Zustand zu kennen, den wir zu erreichen haben, sondern wir müssen viel mehr darüber wissen, wie der Wandel dorthin überhaupt stattfindet.“ Es komme also auf das Verhalten derjenigen an, die als Akteure des Wandels agieren und navigieren, so Michaeli.

Anschließend gab Michaeli einen kleinen Einblick in die Geschichte der Raumplanung und Stadtentwicklung. Nach dem älteren Modell der „zentralen Orte“, das der Geografph und Stadtplaner Walter Christaller 1933 in seiner Publikation „Die zentralen Orte in Süddeutschland“ vorgelegt hatte, erfüllen Städte alle eine bestimmte Funktion innerhalb eines großen Netzes. Ihre hierarchische Ordnung in Ober-, Mittel- und Unterzentren legt fest, dass Städte je nach Funktion eine bestimmte Ausstattung gesichert bekommen, z. B. eine Universität. Christallers anhand des süddeutschen Raumes exemplifiziertes Modell wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg zur Planungsgrundlage für den Städtebau. Demgegenüber prägte der Architekt Thomas Sieverts den Begriff „Zwischenstadt“ (siehe die gleichnamige Publikationsreihe, die aus einem von der Daimler und Benz Stiftung geförderten Forschungsprojekt hervorging), die mit den Logiken der Ausstattungen nicht mehr zu erklären sei, so Michaeli. In diesen „Zwischenstädten“ sei der Raum inzwischen so gut ausgestattet, dass sich neue Verbindungen am Rand bilden oder sich sogar fern liegende Orte ablösen.

Aus diesem Grund laufe Raumentwicklung mittlerweile anders ab, denn es gebe kein planerisches Rahmenwerk mehr, an dem der Markt sich orientiere: „Vielmehr ist die Planung zum Lenker und Begrenzer eines freien Marktes geworden. Auch die individuelle Entscheidung des Nutzers ist wichtiger geworden. Die Stadt als Räumlichkeit der Ermöglichung ist aus der Diskussion verschwunden“, konstatierte Michaeli. In Smart-City-Szenarien etwa sei die Stadt nur noch Kulisse für dahinterliegende Datenströme und Serviceangebote. Die Räume und die Arten, wie wir miteinander kommunizieren, hätten sich grundlegend verändert.

Eine nachhaltige Stadtplanung müsse sich daran anpassen, so Michaeli. Einerseits gehe es immer noch um klassisches Planerhandwerk, etwa um die Auseinandersetzung mit Elementen und Strukturen der jeweiligen Regionen, andererseits um die Identifizierung der Akteure, die angesprochen werden sollen. „Dazu gehört auch, dass sich der Architekt virtuos mit einer Ladung Glühwein auf einem Weihnachtsmarkt bewegen muss, um dort vielleicht zu erfahren, was sich eine Bürgerschaft in einem Ort hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft vorstellen kann.“ Schließlich brauche es das Wissen um die für die Umsetzung relevanten Prozesse.

Es sei eine wichtige Erkenntnis, so Michaeli, dass sich die Wahrnehmung vor Ort von Ergebnissen der strukturellen Stadtplanung oft unterscheide. Weiterhin habe sich der Wandel gewandelt: „Lange Zeit war es Deutschlands großer Vorteil, dass eigentlich die gesamte Landfläche versorgt und auch bewohnbar war. Doch langsam haben wir eher französische Zustände. Dort sind die ländlichen Gebiete nicht mehr ausreichend versorgt, wodurch ein Attraktivitätsüberschuss der Städte entsteht. Daraus resultieren die großen Konzentrationsprozesse, die in Regionen wie Stuttgart oder München die Preise explodieren und die Städte auch zu eng werden lassen.“

Im Rahmen eines Entwurfslabors der Technischen Universität München (2018/19) erstellte Michaeli mit Studierenden für den im schweizerischen Kanton Thurgau gelegenen Ort Hüttwilen eine Übersicht typischer Faktoren, die den ländlichen Raum in prosperierenden Regionen betreffen. Dort herrsche Zuzugsdruck mit Einfamilienhaus-Wunsch, doch es gebe keine Landreserven mehr. Man beobachte dysfunktionale Altbestände in den Ortskernen (etwa leer stehende Läden) und Sanierungsrückstand bei alten Einfamilienhäusern. Weiterhin gebe es Qualifizierungsbedarf hinsichtlich öffentlicher Räume und des Zugangs zu Landschaft. Um den Siedlungsraum effizient zu nutzen, lag die Lösung in der Umwandlung bereits bestehender Einfamilienhäuser in hochwertig sanierte Mietwohnungen für Ortsansässige.

Mit diesem und weiteren Beispielen seiner Forschungsprojekte unterstrich Michaeli, dass es immer darum gehe, nicht nur über Standortqualitäten für die Wirtschaft oder für die Ausstattung des Ortes nachzudenken, sondern herauszufinden, was Standortqualitäten im Sinne eines vereinfachten Alltags für den Einzelnen vor Ort bedeuten. Die Pandemie habe gezeigt, dass sich viele Menschen mit der Option, im Homeoffice zu arbeiten, etwa aus Kostengründen weiter von ihrem eigentlichen Arbeitgeberort entfernen wollen. „Wir erleben gerade eine komplette Veränderung des Arbeitsmarktes und der Arbeitsmodelle. Dies können wir nutzen, um unseren Raum nachhaltiger zu gestalten.“

Auf die aus dem Plenum gestellte Frage, ob die Gesellschaft in der Zukunft eher von Siedlern oder Nomaden bevölkert werde, antwortete Michaeli, dass sich die Tendenz zum Nomaden oder Siedler im Laufe des Lebens ändere. „Allerdings haben wir in den letzten Jahren viel mehr auf die Siedler als auf die Nomaden in der Gesellschaft geachtet.“ Doch müsse sich der Wohnungsmarkt daran anpassen, dass viele Menschen „wohn-mobil“ bleiben wollen.

Dialog im Museum

Prof. Dr. Mark Michaeli

23. September 2021
Mercedes-Benz Museum, 70372 Stuttgart

Prof. Mark Michaeli forschte und lehrte an der ETH Zürich, an der Universität St. Gallen und am Future Cities Lab in Singapur. Im Jahr 2010 erhielt er einen Ruf an die TU München. Er ist Mitglied im Expertenbeirat Geistes- und Sozialwissenschaften des Schweizerischen Nationalfonds. International ist er als wissenschaftlicher Berater und Gutachter tätig.