Unser tägliches Ritual - die Tagesschau
Interview mit Professor Axel Michaels
Fragen: Kristina Vaillant

(Foto: Christiane Brosius
Wenn man sich umsieht, gewinnt man den Eindruck, dass wir heute nicht nur mehr Rituale begehen, sondern dass sie auch positiver gesehen werden. Täuscht dieser Eindruck?
Auch wenn viele der heutigen Rituale nicht so umfassend und nicht so langlebig sind, ich vermute stark, dass es in unserer industrialisierten Welt mehr Rituale gibt als in traditionellen Gesellschaften. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass die gesellschaftliche Zugehörigkeit nicht mehr so klar definiert ist. Heute kann man mal dieses sein, mal jenes. Damit diese Zugehörigkeit Form annimmt, bedarf es aber einer öffentlichen Darstellung. Dafür eignet sich das Ritual. Heute kann sich jede neue Organisation, jede Gemeinschaft zeigen und tut das auch. Es braucht ja im Prinzip auch nicht viel, um Rituale zu veranstalten: Viel Freizeit, etwas Dekor und die Motivation. Und natürlich sind die Zugehörigkeiten und Rituale auch durch Globalisierung und Migration vielfältiger geworden.
Und in der Forschung, hat es auch da eine Renaissance des Rituals als Forschungsgegenstand gegeben?
Es gibt keine Renaissance, aber sicherlich einen Boom der Ritualforschung. Das zeichnet sich seit den 1970er Jahren ab, als man anfing Rituale in fremden Kulturen als etwas Angenehmes und Schönes, als ästhetisches Erlebnis zu betrachten. Dass solche Rituale damals auch erstmals von vielen Touristen beobachtet werden konnten, hat sicherlich dazu beigetragen. Zuvor wollte man – vor allem in Deutschland – durch die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus, durch die Dominanz der kirchlichen Rituale und den ‚Mief’ der 1950er Jahre wenig mit Ritualen zu tun haben. Über diesen Umweg haben wir also Rituale wieder schätzen gelernt, und auch die Forschung hat seitdem verstärkt auf Rituale geschaut.
Gibt es bestimmte Lebensbereiche, Teile der Öffentlichkeit, die besonders stark ritualisiert sind?
Die Politik hat sich immer wieder gerne der Rituale bedient, neu sind aber zum Beispiel Entschuldigungsrituale als gängige Form des politischen Rituals. Die Diplomatie und das Militär sind ein einziges Ritual, das Parlament ist zunehmend zum Ritual geworden. Auch die Art und Weise wie wir Medien konsumieren, ist stark ritualisiert: Warum wird die Tagesschau zum Beispiel jeden Abend um 20:00 Uhr gesendet und dauert immer ziemlich genau 15 Minuten, obwohl die Nachrichten vielleicht nur für fünf Minuten reichen? Auch in Unternehmen spielen Rituale eine wichtige Rolle, deshalb haben wir auch einen Unternehmensberater als Referenten eingeladen. In Unternehmen reichen Rituale von der Art des Grüßens, des Mittagessens bis zu den Betriebsabläufen. Das läuft alles nach ‚Schema F’ ab, da soll möglichst wenig Sand im Getriebe sein. Ob diese Abläufe immer optimal sind, ist eine andere Frage. Es gibt heute, etwa im Controlling, Verfahren, um das zu überprüfen. Aber diese Strukturen aufzubrechen, das ist sehr, sehr schwierig, da gibt es viele Widerstände.
Wenn in der kulturwissenschaftlichen Forschung von Ritualen die Rede ist, welche Verhaltensformen werden darunter subsumiert? Mit anderen Worten: Gehört auch das tägliche Zähneputzen dazu?
Da gibt es unterschiedliche Positionen. Die einen sagen, man muss das Alltagsverhalten mit hinzunehmen. Die anderen sagen, wir nehmen nur die besonderen Ereignisse und bezeichnen sie als Rituale. Es gibt auf beiden Seiten Schwierigkeiten. Diejenigen, die den Begriff Ritual enger fassen, so wie ich, haben fast nur das Begrenzungskriterium der Außeralltäglichkeit. Diejenigen, die den Begriff weiter fassen, müssen irgendwann fast jedes Handeln und Verhalten als Ritual sehen und dann wird es schwammig. Wenn man das Zähneputzen nimmt, dann würde ich sagen, ist das Ritualisierung oder ritualisiertes Verhalten im Unterschied zu Ritualen, wo es pompös und festlich zugeht und die sich vom Alltag absetzen. Die Frage ist aber nach wie vor, ob man Rituale überhaupt als gesonderte Form menschlichen Verhaltens herausfiltern kann.
Die alltägliche Verwendung des Begriffs Ritual drückt eher den konservierenden Charakter des Rituals aus, die Forschung zeigt aber, dass Rituale auch eine Transformation bewirken können.
Ich glaube, dass sich in Ritualen eine Gesellschaft immer wieder definiert. Sie zeigt sich beim Ritual als Gemeinschaft, und das wird bei diesen Anlässen auch immer wieder überprüft. Wenn ein Ritual die Akzeptanz der meisten Menschen nicht findet, dann wird es entweder grundsätzlich infrage gestellt oder es wird geändert. Deswegen haben Rituale einerseits die Funktion zu bewahren, also die Gemeinschaft zu zeigen, und auf der anderen Seite die Funktion, Gesellschaften zu erneuern, indem es möglich ist, sich gegen ein Ritual zu stellen. Nehmen Sie die Reformation, das war zuvorderst eine Auseinandersetzung mit dem Ritual, mit der Liturgie. Oder die Entstehung des Buddhismus, das war im Wesentlichen eine Kritik an den erstarrten vedisch-brahmanischen Ritualen.
Auch Verhaltensforscher untersuchen Rituale, etwa die Balzrituale von Tieren. Inwiefern sind solche Rituale vergleichbar mit dem, was Sie als Kulturwissenschaftler unter Ritualen verstehen?
Rituale bei Tieren sind etwas anderes, deswegen sollte man das begrifflich auseinanderhalten. Man kann bei Tieren allenfalls von Ritualisierungen sprechen. Der Unterschied ist, dass das Ritual beim Menschen ein Kulturereignis ist. Menschen verabreden sich dazu, sie machen das intentional. Sie haben dafür eine Geschichte, ein Bewusstsein, Rituale haben keine kognitive Dimension. Tiere erwerben aber in der Prägungsphase bestimmte Verhaltensweisen, die sie dann immer wieder anwenden. Das machen Tiere wie auf Knopfdruck.
Können Menschen ohne Rituale auskommen?
Die Tatsache, dass Rituale in allen Gesellschaften vorkommen, muss einen skeptisch stimmen. Es scheint zwar manchmal so, als seien Rituale etwas Überflüssiges, als könnten Menschen darauf verzichten, das geht aber offenbar nicht. Da liegt der Verdacht nahe, dass wir es mit einem Verhalten zu tun haben, das ererbt ist; dass wir uns in dieser Hinsicht gewissermaßen wie Tiere verhalten, uns aber dessen bewusst sind. Gemeinschaft bildet sich vielleicht überhaupt erst und nur durch Rituale. Also nicht, indem man den Acker gemeinsam bestellt, sondern indem man gemeinsam tanzt. Erst dadurch bekommt man das Gefühl, dass man gemeinsam den Acker bestellen kann. Das sind offene Fragen. Und in diesem Sinne hat das Kolloquium für mich experimentellen Charakter, denn die verschiedenen Wissenschaftskulturen, also die Kulturwissenschaften, die Evolutionsbiologie und die Neurowissenschaften haben über diese Fragen noch nicht wirklich gemeinsam nachgedacht.