"Gruppen-Interaktion an hoch riskanten Arbeitsplätzen"
Leitung: Prof. Rainer Dietrich, Humboldt-Universität Berlin
Übersicht

Eitelkeit, Perfektionismus und andere Störfaktoren
Kolleg legt auf Abschlusskonferenz "The better the team, the safer the world" Empfehlungen zur Risiko-Kommunikation vor - Handbuch des Kollegs erschienen
Mit 1,5 Millionen Euro finanzierte die Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung Forschungen über Verhalten und Kommunikation an Hochrisiko-Arbeitsplätzen. Das Projekt ist nun abgeschlossen. Die Ergebnisse präsentierte das Ladenburger Kolleg erstmals in Rüschlikon am Zürichsee am 6. Mai 2004 gemeinsam mit dem Gastgeber Swiss Re Centre for Global Dialogue.

"Zwischen Medizinern und Piloten gibt es viele Parallelen. Sie gehören zu den Berufsgruppen, in denen Statusdenken und der Stolz auf den Beruf sehr ausgeprägt ist", sagte der Psychologe Bob Helmreich vor 150
Teilnehmern der Abschluss-Veranstaltung des Kollegs in Rüschlikon. "Auch der Gedanke immer perfekt sein zu müssen und der Glaube, persönliche Probleme hintanstellen zu können ist in diesen Berufsgruppen weit verbreitet, fügte Helmreich hinzu. Er erforscht seit Jahrzehnten die Ursachen menschlicher Fehler in der Luftfahrt und übertrug sein Wissen in diesem Forschungsprojekt auf Intensivstationen. Helmreich ist Professor an der University of Texas in Austin/USA und hatte eine der sieben Projektgruppen des Kollegs "Gruppen-Interaktion an hoch riskanten Arbeitsplätzen geleitet.
Forschung für mehr Sicherheit
Das Ladenburger Kolleg untersuchte Organisation, Verhalten, Betriebsklima und Kommunikationsstil in Teams und deren Bedeutung als
mögliche Fehlerquellen. An dem Projekt unter der Leitung von Rainer Dietrich, Professor für Psycholinguistik an der Humboldt-Universität in Berlin, arbeiteten hauptsächlich Psychologen und Linguisten bzw. Psycholinguisten mit. Aber auch Sicherheitsexperten aus der Luftahrt, Krankenhäusern und Kernkraftwerken waren beteiligt. Die Ergebnisse des Projekts präsentierte das Ladenburger Kolleg am 6. Mai 2004 in Rüschlikon am Zürichsee, im Centre for Global Dialogue des Rückversicherers Swiss Re.
Fatale Kommunikation
Als Gastredner traten der Arzt Peter Pronovost und der Astronaut Claude Nicollier auf. Pronovost schätzt, dass allein in den USA jährlich zwischen 44.000 und 98.000 Menschen an den Folgen falscher Behandlungen sterben,
davon sieben Prozent allein durch das Verabreichen falscher Medikamente. "Die Sterblichkeitsrate könnte durch eine verbesserte Arbeitsorganisation um 30 Prozent reduziert werden", so Pronovost, zuständig für das Gesundheitsmanagement an der "Johns Hopkins University School of Medicine" in Baltimore/USA.
Nicollier ging in seinem Vortrag nochmals auf die Ursachen für das Columbia-Unglück im Jahr 2003 ein und zog Parallelen zum Challenger-Unglück im Jahr 1986. Sein Fazit: In beiden Fällen wurden Warnungen vor

technischen Mängeln nicht berücksichtigt, man hätte die Tragödien durch ein besseres Fehlermanagement vermeiden können.
Neue Sicherheitskultur
Zu den wichtigsten Maßnahmen, um künftige Fehlerquelle auszuschalten, darin waren sich alle Experten einig, gehören sogenannte "nicht-punitive Meldesysteme". Also die Möglichkeit für Mitarbeiter, begangene Missstände ohne Angst vor einer Bestrafung melden zu können. In der Regel geschieht dies über Computer-Datenbanken, in denen Krankenschwestern, Ärzte, Piloten oder Stewardessen ihre Beobachtungen anonym eintragen können.

Empfehlungen für die Praxis
Die Forschungsergebnisse wurden in konkrete Handlungsanweisungen umgesetzt und im Buch "The better the team, the safer the world" veröffentlicht, das über die Stiftung erhältlich ist. Gisbert Freiherr zu Putlitz,
|
Prof. Gisbert Frhr. |
Rudolf Kellen- |
Das Handbuch "The better the team, the safer the world", in englischer Sprache, ist kostenlos erhältlich:
Sie können das Handbuch bei der Stiftung bestellen:
haag [at] daimler-benz-stiftung.de (Stichwort: Handbuch GIHRE)
Download als PDF (370 KB) hier ...
Weitere Downloads (Texte auf Englisch):
- Beschreibung des Kollegs (auf Englisch) (als PDF 96 KB)
- Statements der Referenten auf der Abschlusskonferenz (englisch) (als PDF 448 KB)
Pressespiegel (Artikel auf Deutsch) in unterschiedlicher Auflösung
- mittlere Auflösung (PDF 3,2 MB)
- hohe Auflösung (PDF 11,2 MB)
Publikationen des Kollegs
Erschienen: Juli 2004
Group Interaction in High Risk Environments
edited by Rainer Dietrich with Traci Michelle Childress
300 p., 40 b&w illustrations, Hardback
Size: 234 x 156 mm
Ashgate Aldershot, 2004
$89.95/£49.95
ISBN: 0 7546 4011 6
Weitere Informationen beim Verlag ...
Erschienen: September 2003
DIETRICH, Rainer (Hg.)
Communication in High Risk Environments
In Zusammenarbeit mit Tilman von Meltzer.
Linguistische Berichte - Sonderheft 12, 2003.
Helmut Buske Verlag, Hamburg
179 Seiten, Kartoniert Euro 34,80
(Vorzugspreis für LB-Abonnenten: Euro 29,80)
ISBN: 3-87548-342-1
Folder des Sonderheftes als pdf-Version (152 KB)
Weitere Informationen: www.buske.de
Band zum 6. Berliner Kolloquium
(erschienen: April 2004)
Teaming Up: Components of Safety Under High Risk
edited by Rainer Dietrich and Kateri Jochum
146 p., 73 b&w illustrations, Hardback
Size: 234 x 156 mm
Ashgate Aldershot, 2004
$69.95/£39.95
ISBN: 0 7546 3435 3
Weitere Informationen beim Verlag ...
Luftverkehrsunfälle wie der Absturz der Maschine der Birgen Air im Jahr 1996, medizinische "Kunstfehler" wie die Operation am gesunden Lungenflügel eines Krebspatienten in Kassel oder Reaktor-Katastrophen wie in Tschernobyl an diesen Unfällen waren Menschen beteiligt, die in ihrem Arbeitsalltag ständig mit einem hohen Risiko leben. Was oft als "menschliches Versagen" eingestuft wird, hat seine Ursachen in einer mangelhaften Kommunikation der Arbeitsteams. Sie führt dazu, dass das Team nicht mehr in der Lage ist, angemessen auf eine Krise zu reagieren.
Seit Frühsommer 1999 setzt sich das Ladenburger Kolleg mit diesen Fragen auseinander. Leiter des Kollegs ist Professor Rainer Dietrich von der Humboldt-Universität Berlin. An der Gruppe beteiligen sich Experten aus der Luftfahrt, der Chirurgie und der Reaktorsicherheit sowie Wissenschaftler aus der Linguistik, der Psychologie und der Medizin. Ziel der Gruppe ist es, die verschiedenen Aspekte der Kommunikation unter hoher Belastung zu untersuchen und Konzepte für ein Training des Personals an hochriskanten Arbeitsplätzen zu entwickeln.
I. Aktuelle Verhaltensmuster in einer Gefahrensituation
Drei Projekte des Kollegs erarbeiten anhand von authentischen Daten und anhand von Verhaltensbeobachtungen in Simulationsexperimenten mit Cockpitcrews und Operations-Teams in den Vereinigten Staaten und in der Schweiz Analysen, die zu der Erfassung der Verhaltensänderung in Gefahrensituationen beitragen sollen.
Group Interaction in a High-Risk Environment: Aviation
Capt. Werner Naef
Swissair, Zürich
Group Interaction under Threat and High Workload
Prof. Dr. Robert Helmreich
Department of Psychology, University of Texas at Austin
Group Interaction in a High-Risk Environment: The Operating Room
Dr. Stephan Marsch & Prof. Dr. Daniel Scheidegger
Anästhesie, Kantonsspital, Universität Basel (Frühjahr 2001 beendet, Daten werden im Projekt von Gudela Grote bearbeitet)
The effects of different forms of coordination in coping with work load
Prof. Dr. Gudela Grote
ETH Zürich, Institut für Arbeitspsychologie
II. Strukturierung zielgerichteter Geistestätigkeit
Vier Projektgruppen untersuchen die Prozeduren von Informationsverarbeitung unter wechselnden Belastungsbedingungen.
Task load and the Microstructure of Cognition
Prof. Dr. Werner Sommer
Kognitive Psychology, Humboldt-Universität zu Berlin>
Answering questions under conditions of high work load
Prof. Dr. Rainer Dietrich
Psycholinguistik, Humboldt-Universität zu Berlin
Group Interaction under Threat and High Workload: Linguistic Factors
Prof. Dr. Manfred Krifka
Department of Linguistics, University of Texas at Austin
Team Interaction in the nuclear power plant
Dr. Oliver Straeter
Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Garching
III. Kulturelle Variation von Verhaltensmustern
Die Verhaltensmuster von Menschen sind sozial geregelt. So etwas wie Gehorsamsanspruch, Technikvertrauen und Schicksalsergebenheit ist daher in den verschiedenen Erdteilen keineswegs gleich. Kulturelle Variation steht zwar nicht im Mittelpunkt der Projektarbeit, soll aber zu gegebener Zeit in Erwägung gezogen werden.